Filme: »Wir« (2019)

JEDEM SEIN SCHATTEN

(»Us« – USA 2019/Regie: Jordan Peele)

Bemühen wir uns nicht alle, das Unglück unserer Lust zu mäßigen? Normalisieren wir uns nicht Tag für Tag, um an einer sozialen Gesellschaft zu partizipieren? Sind unsere Neigungen, Wünsche und Triebe nicht Kaninchen, die in katastrophenresistente Käfige gepfercht werden (müssen)? Das ist die Metapher, die Jordan Peele in „Wir“ wählt. Nach seinem Achtungserfolg „Get Out“ (2017), der sich auf selbstbewusste Weise einem (nicht nur) digitalen Alltagsrassismus verschrieb und in dem die Smartphone-Knipse zum Unterdrückungsinstrument pervertiert wurde, vergrößert Peele die Perspektive in „Wir“: Zwar wird eine afroamerikanische Familie in den Bannkreis verstörender Ereignisse befördert, aber „Wir“ ist kein Film über Rassismus. „Wir“ – der deutsche Titel pulverisiert jegliche Doppeldeutigkeit des Originaltitels „Us“ – ist ein Film über eine Zivilisation, in der, exemplarisch, Rassismus zivilisatorisch begründet und normiert ist. Das Kaninchen zaubert Jordan Peele infolgedessen aus dem Hut, aber nur deswegen, um es aus seinem Käfig zu befreien.

Worin die Befreiung orientierungslos hoppelnder Kaninchen kulminiert, wird in „Wir“ explizit. Man kann auch dieses Werk als „Social Thriller“ (Peele) lesen. Demnach überhöht der Regisseur jene Sedimentschicht allegorisch, die in jedem von uns steckt – das Kaninchen konfrontiert uns mit unserem Unterbewusstsein, dem Verräterischen, Unheilbringenden, dem direkt Aggressiven, das postwendend auf uns zurückfällt, indem es ungezügelt über uns und andere hereinbricht. Kryptisch will Jordan Peele diesen Subtext nicht vermitteln – denn „Wir“ identifiziert sich gleichfalls über Einkerbungen reißerischen Genrekinos. Und aus diesem Grund überstreicht Peele das Idyllische genretypisch dunkel. Er schickt zwei Kinder (Shahadi Wright-JosephEvan Alex) mitsamt ihren Eltern (Lupita Nyong’oWinston Duke) zu einem Strandhaus, in dem sie ihren Urlaub verbringen. Es dauert nicht lange, ehe der harmlose Urlaub die unliebsame Vergangenheit beschwört, die zur Schreckensvision avanciert: Die Wilsons begegnen ihren Spiegelbildern. Sie haben Scheren, sind rot eingekleidet und töten enthemmt. Die Einzäunung unserer innersten Fantasien rostet zusehends.

© Universal Pictures Germany

„Wir“ übertrifft „Get Out“ hauptsächlich in seiner Sensibilität. Die Besetzung geht wunderbar auf – wenn Gabe, der Vater (Duke), für die Running Gags um einen stotternden Bootsmotor zuständig ist, hört Zora, die Tochter (Wright-Joseph), dauerhaft Musik und tippt ihr Smartphone wund. Das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie Wilson befüllt Jordan Peele anhand dieser einfühlsam-abseitigen Beobachtungen mit einer gehörigen Portion Wärme, Lockerheit und Authentizität. Flache Gags vermeidet er hingegen. Umso leichter fällt die Identifikation während einer Odyssee, die diese Familie schlussendlich anzutreten hat. Vorrangig spitze Parabel und ostentativer Home-Invasion-Hobel, variiert der Film Motive aus episodischen Infiziertenschockern und ländlichen Zombie-Roadmovies: Da sich die Anzahl der „Spiegelbilder“ über das Land verteilt, geraten die Wilsons in effektreich inszenierte Überlebensszenarien, die von einem Prolog in allerschönster Stephen-King-Kirmesatmosphäre gerahmt werden. In Gestalt eines Kirmesgruselfilms zwängt Peele seine Figuren folgerichtig in Spiegelkabinette, in Zimmer und Autos, in Boote.

Der somit gestauchte Raum wirkt als Überbleibsel aus „Get Out“ nach, die Wirksamkeit des Horrors in dessen entmutigender Unumkehrbarkeit zu steigern. Ein zweites Merkmal eint beide Filme – es sind die Zugeständnisse, die Jordan Peele nichtsdestoweniger macht. Entsprechend neunmalklug, aber absehbar geizt er keineswegs mit (gezwungenen) Twists, ausschweifend dechiffriert er die Logik der Geschehnisse. Der Genrefilm, der in „Wir“ steckt, gewinnt an keiner Stelle gegen die entlarvende Hyperbel, die er transportiert: „Wir sind Amerikaner“, lässt Peele Adelaides Doppelgängerin (Nyong’o) lakonisch sagen. Amerikaner, die eindringen, okkupieren, töten. Der amerikanische Werteschwur zerkrümelt angesichts unserer zivilisierten Haut, die von Brandwunden übersät ist und aufzuplatzen droht. Der Mensch ist dem Menschen der Feind – Jordan Peeles „Wir“ evoziert ein Wir, in dem der denkende Mensch und der gedankenlose Mensch immer zusammengehören. Andernfalls sind wir selber die Marionetten unseres Fremden, wenn wir es verdrängen, entschuldigen, bekämpfen und auslöschen wie die Hubschrauber ihren zum Feind umgedeuteten Feind in Vietnam.

Titelbild © Universal Pictures Germany

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