Kurz notiert: »Christo – Walking on Water« (2018), »Border« (2018)

KURZE KUNST

CHRISTO – WALKING ON WATER

(»Christo – Walking on Water« – I, USA 2018/Regie:
Andrey M. Paounov)

Wenn das Bild zu schmächtig wird, muss der Künstler aus ihm heraustreten. Das Bild wurde für Christo zu schmächtig. Sein Bild wurde die Landschaft außerhalb des Bildes, die er performativ verwandelte und vergänglich umgestaltete. Christo ist der Künstler, der, wie er sagt, immer Künstler ist, zu Tages- und Nachtzeiten. Sein seit den 1970er Jahren geplantes Projekt „Floating Piers“ realisierte er schließlich in Italien, am Iseosee – 16 Tage übers Wasser laufen. Aus 700 Stunden Filmmaterial schnitten Andrey M. Paounov und Anastas Petkov eine tosende Begleitdokumentation zusammen, in der Christo aus einer fiebrig anliegenden Perspektive regendurchnässt sich gegen die Abreibungsprozeduren zu stemmen versucht, die seine Vision gefährden. Christo gegen die Welt, gegen ihre Ansprüche, genauso wie gegen ihre Routinen und meteorologischen Unannehmlichkeiten, gegen die Bürokratie Italiens, gegen handwerkliche Mängel und gegen moderne Medien. Weder der nichtsnutzige iMac noch die interaktive Schultafel wollen, wie er will. Er ist immer schneller, immer unverblümter, immer in Abgängigkeit des Echten, der Berge, des Schnees, der Luft. Das Ich gegen die Welt – ein mühsamer Kampf, der dennoch Bewältigungsgesten provoziert. Genau diese Bewältigungsgesten der Schöpfung, die Unbehagen und offene Dispute miteinschließen, evozieren in „Christo – Walking on Water“ die Skizze einer beispiellos inspirierenden Verwehung, die im nächsten Bauplan endet.

© Wild Bunch Germany

URSPRÜNGLICH TIER

BORDER

(»Gäns« – S, D 2018/Regie: Ali Abbasi)  

Tina (verquollen: Eva Melander) ist ein Troll. Sie hat eine besondere Begabung ihrem Riechorgan gegenüber, arbeitet als Zollbeamtin und „erriecht“ (wortwörtlich) Schmuggelware und menschliche Emotionen. Tina hat sich angepasst, lebt in einem Haus, mit Roland (schmal: Jörgen Thorsson). Ihr Leben bleibt nichtsdestotrotz unbefriedigt – die Hunde bellen sie täglich an und Rolands bester Freund ist der Fernseher. Die animalische Lust, von den Grenzziehungen sozialer Adaptivität abzulassen, kehrt mit Vore (herzhaft: Eero Milonoff) wieder, ebenfalls Troll, dazu Lachs- und Insektenliebhaber. Ali Abbasi berührt jene Diskurse, die für unsere Zeit(en) konstitutiv sind: Debattenbeiträge um die Pluralisierung von Lebensformen, um Mobbing, Zuwendung und Isolationismus. Des Gefühls unfreiwilligen Amüsements kann sich der Zuschauer trotzdem nicht erwehren – das Spiel von Melander und Milonoff gestaltet sich derart eigenwillig, dass eine Sexszene ohrenbetäubendem Gorillagebrüll gleichkommt. Für „Border“ ist das Pärchen ohnehin nicht essentiell genug, um es in ihrer körperbehafteten Annäherung alleinig zu dokumentieren. Denn das „Trollsein“ muss Abbasi pseudowissenschaftlich erklären. Wo das Märchen per se mit seinen biologischen Spezifika für sich bestand, verunreinigt der Hintergrund in „Border“ das Magische und gewiss auch Augenblickliche. Hinzu kommt, dass sich damit der Regisseur längst nicht zufrieden zeigt. Ein überflüssiger Subplot muss her, in dem ein Ehepaar Kinder für pädophile Praktiken missbraucht. 

Titelbild © Alamode Film

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