Filme: »Under the Silver Lake« (2018)

DIE VERSCHWÖRUNG DER ZEICHEN

(»Under the Silver Lake« – USA 2018/Regie: David Robert Mitchell)

Sam (Andrew Garfield) lebt in den Tag hinein. Die Frage, welche Arbeit er habe und wie erfolgreich sie sei, versucht er geschickt zu umgehen. Die Wahrheit ist, dass Sam nicht einmal ansatzweise arbeitet, sonst würde er seine Miete zahlen und nicht dauernd um Aufschub betteln. Womöglich ist er aber auch zu faul – womöglich aber auch zu abgelenkt, die Nachbarn am Pool auszuspähen. Eines Tages entdeckt er mit seinem Fernglas Sarah (Riley Keough). L. B. „Jeff“ Jefferies entdeckt die Blondine, die ihn prompt an seine Potenz erinnert. Aus einer Liebesaffäre (oder gar Beziehung?) wird allerdings nichts: Sarah verschwindet über Nacht spurlos. Ihr Verschwinden hinterlässt Zeichen und Zahlen, die in Verbindung mit einer Verkettung an unbegreiflichen Zusammenhängen zu stehen scheinen. Sam ist der Neff vom Dude. Er fällt in die Populärkultur, versucht sich in ihrer überpointierten Wahrnehmung häuslich einzurichten. Sein Körper ist einem Abhang von portioniertem Popmaterial ausgeliefert – Filmposter, Videospiele, der Playboy. Alles eine Kopie, ein Werbepappschild des Camp? Und wo ist Sam echt, ganz und gar aus Fleisch und Blut?

„Under the Silver Lake“ endet irgendwann, nur fühlen sich die etwa zweieinhalb Stunden so an, dass „Unter the Silver Lake“ nie endet. Das ist gewollt. Wo „It Follows“ (2014) von David Robert Mitchell keine Szene zu viel hatte, hat „Under the Silver Lake“ den Anspruch, dass jede Szene noch eine braucht. Der Film ist irgendwo in den zerschlissenen, widerspenstigen Texten von Thomas Pynchon und David Foster Wallace zu verorten, in Filmen wie „Southland Tales“ (2006) und „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (2014), in Geschichten mit einem Schwanz, die ihren Schwanz packen wollen. In „Under the Silver Lake“ sind es nicht Katzen, die mit ihrem Schwanz spielen, sondern Hunde, die sich wie Katzen benehmen. Auf dem Weg durch ein zerschlissenes, widerspenstiges L.A. begegnet Sam (Garfield) vielen Hunden, sogar Frauen, die bellen. Der männliche Blick? Auf jeden Fall wagt David Robert Mitchell, einen prätentiöseren Film zu inszenieren, weil er diesmal auf den Plateaus des Erzählens unterwegs ist. Das selbstzweckhafte Posieren, das sich sein Werk leistet, stellt die Bedingung, dass sich sein Publikum Eintritt mit einem Keks verschaffen muss. Nichts ist umsonst. Auch nicht im Brüchigen.

© Weltkino Filmverleih GmbH

Diese „Plateaus des Erzählens“ – sie sind nichtsdestotrotz weniger transgressiv ausstaffiert als bei Pynchon et al. Da die „Verschwörung“, die Sam glaubt in allem zu erkennen, sich zeitig erschöpft und im – nun ja – Nirwana erklärungswütig andockt, besteht der Film die Prüfung, gekonnt Dinge vorzugaukeln, die erst am Beginn ihrer Existenz stehen, am ehesten, wenn er sich seinem zitatpoppigen Protagonisten zuwendet. Die Materialität der Mehrfachcodierung seines Lebens verweist auf einen Leitsatz Hans Holleins: „Alles ist Architektur.“ Sam definiert sich über sein collagiertes Apartment, über eine Antipolitik der Lebenskunst, changierend zwischen Hitchcock und Super Mario: Sam ist der verunsicherte postmoderne Mensch, der keine Heimat besitzt und dessen Identität Hollywoods große Geister anzieht. Andrew Garfield dominiert diesen Formwandlungskitsch in einer morbiden sexuellen Großzügigkeit mit einem Eimer strubbeliger Komik. Auch wenn die Hoffnung einer „Auflösung“ nicht ausreicht, „Under the Silver Lake“ zu tragen, flaniert man, zugegeben, lustvoll mit Sam und achtet darauf, dass die Chucks unterwegs nicht dreckig werden.

Die Suche Sams nach Sarah (Keough) durchpflügt die Schattierungen des Städtelebens. Sowohl das Sonnenlicht als auch die Nachtfarbe von Los Angeles wirken nicht natürlich. Eher liegt die Vermutung nahe, dass ein Scheinwerfer an- und wieder abgestellt wird. Sam treibt es zu Dachpartys und Dancing Floors, auf denen die Drinks auf Grabsteinen serviert werden. Virile Verlockungen stoßen ihn in die Arme und ins Wasser. Wo das Wasser in „It Follows“ letzter als Fruchtblase allegorisierter Schutzraum gegenüber der Erwachsenenwelt war, behält das Wasser in „Under the Silver Lake“ seine Leichen für sich und gibt sie nicht preis. Voller Erstaunen erwacht Sam in einer Szene auf einem prominenten Friedhof – die Namen „Hitchcock“ und „Welles“ sind zu lesen. Ob es sich um Alfred Hitchcock und Orson Welles handelt, interessiert nicht. Die Namen repräsentieren ihre eigene Verwertung zugunsten der einzigen Sicherheit, dass hinter dem Bezeichneten ein Zeichen steckt, das nicht zwingend mit dessen Gehalt übereinstimmen muss. Was wäre, wenn alle Zeichen kalkuliert, komponiert seien? Sieh‘ dich um, wühl‘ dich durch, kombinier‘, aber am Ende ist eh alles egal.                

Titelbild © Weltkino Filmverleih GmbH

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