Kurz notiert: »Sunset Over Hollywood« (2019), »All My Loving« (2019)

HOLLYWOOD ROSTET

SUNSET OVER HOLLYWOOD

(»Sunset Over Hollywood« – D 2019/Regie: Uli Gaulke)

Ein Altersheim am Mulholland Drive nördlich von Los Angeles. Eine besondere Gegend ist das – der Dokumentarfilmer Uli Gaulke setzt die ikonischen Hollywood-Buchstaben ins Bild, die überlebensgroß jenen Landstrich beglitzern, der wiederum am Tag, bei ausgedörrter Sonneneinstrahlung, wie ausgestorben nach Wasser dürstet. Hier entschwindet, reziprok gedacht, schlussendlich all‘ das, was in einer furchterregenden Geschwindigkeit sonst funkeln durfte, auch oder gerade die Stars von gestern: Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Toningenieure, Schnittmeister. In Glanz und Glorie wollen diese Menschen jedoch nicht verblassen, extraordinär sprechen sie in „Sunset Over Hollywood“ lieber über das Durchgesickerte, das erinnerungswürdig scheint. Schreiben wollen sie weiterhin, sie tüfteln eine (schwule) Fortsetzung zu „Casablanca“ (1942) aus, sie besprechen und verfilmen eine Weihnachtsgeschichte proletarischer Gegenwärtigkeit – mit Sozialstütze. Und sie versuchen sich an einem Eheratgeber. Unmissverständlich: Kommunikation! Das Erzählen zirkuliert, das Schreiben befreit. Gaulke tritt an eine Generation heran, die – lebenslustig gestimmt und ausreichend spontan – die allerletzte Chance wahrnimmt, das alte Hollywood zu putzen. Ein Hollywood, in dem Jack Warner Inkompetenz vorgeworfen wurde, in dem die über 100-jährige Darstellerin Connie Sawyer fragt, ob die Schminke okay sei, in dem der Golden-Age-Filmemacher Jerry Sedley Kaufmann erzürnt über eine Dollyfahrt ist. In dem Filme in Andacht gesehen, gefühlt werden, still für sich und niemand anderen.

© Port au Prince Pictures

MEIN BRUDER, MEINE SCHWESTER 

ALL MY LOVING

(»All My Loving« – D 2019/Regie: Edward Berger)

Stefan (Lars Eidinger), Julia (Nele Mueller-Stöfen) und Tobias (Hans Löw) sind Geschwister. Edward Berger reißt sie (vorerst) auseinander. In Ihrem Leiden sind sie in „All My Love“ auf sich allein gestellt, bevor sie sich gemeinsam verabreden und den lebensbejahenden Wundern unter dem Banner des Neubeginns andächtig anheimfallen. Drei Episoden schildert Berger mit bestechender Hellschwärze – ein promiskuitiver Pilot mit Hörschwächen (Eidinger), ein Paar, das viel zu früh von ihrem Sohn Abschied nehmen musste (Mueller-Stöfen, Godehard Giese), ein 39-jähriger Philosophiestudent (Löw), der zu Besuch im elterlichen Haus ist und partout nicht zum Schreiben kommt. Wenngleich Lars Eidinger vorhersehbar an seinem Lars-Eidinger-Rollenimage schraubt (Profilbild: schmalspurerotisches Kameragrinsen mit lässig gehaltenem Whiskeyglas), gefallen Episoden zwei und drei doppelt und dreifach. Der deutsche Autorenfilm entledigt sich in „All My Loving“ buchstäblich seiner verkniffenen Strenge – Tragikomik und Herbheit verkuppelt Edward Berger insoweit, dass ein verletzter und aufgelesener Hund befremdliche ärztliche Behandlungsblicke italienischer Reserviertheit erntet, aber zugleich als tieftrauriger Verlustersatz herhält. Überhaupt Hunde: Überall sind sie präsent, überall ihre Kackhaufen, ihr Bellen, ihr Verlangen, ihr Wärmefell. Sie überwältigen, sie erhalten das Leben der Protagonisten. Genauso wie die Lebenserhaltungsmaschine, an die Tobias‘ Vater (Manfred Zapatka) angeschlossen werden muss. Bis sie aufhört, Geräusche zu machen. Und die Familie kleiner wird.

Titelbild © Piffl Medien GmbH

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