Filme: »High Life« (2018)

WELTRAUMFLÜSSIGKEITEN

(»High Life« – D, F, GB 2018/Regie: Claire Denis)

Das Raumschiff in „Alien“ (1979), die ikonische Nostromo, hat uns einst mit Schauer gelehrt, dass Raumschiffe, in Wahrheit stumpfe Bauklötze, unwirtlich und beengt sind – und deren Adern verwinkelten Durchgangskorridoren entsprechen. Zurückgeworfen auf das Dasein unbedingter Existenz angesichts eines metaphysischen Nichts, bildet Vereinzelung die Erfahrung gehobener Science-Fiction. Doch wo das Auge jenseits des Raumschiffs versucht, vergeblich einen Punkt zu finden, an dem es sich orientieren kann, beginnt der Mensch bereits an Bord, sich zu entmachten, indem er asketisch seine irrlichternden Triebe zu unterdrücken versucht. Wenige Science-Fiction-Filme haben dort – in der Lust – angesetzt: Welche Folgen resultieren, wenn jener Triebverzicht nachlässt, der sich der Mensch notwendigerweise unterwerfen muss, um rationale Wissenschaft zu betreiben? Schließlich tragen die Menschen ihr „Tier“ ins Unendliche.

„High Life“ ist ein Film der Körperflüssigkeiten. Ätherisch fließen Blut, Schweiß und Sperma an kahlen, an fast fleischlichen Oberflächen hinab. Nie aber verengt Claire Denis die Fokalisierung insoweit, dass ihr Blick voyeuristisch wird. Fortwährend untersucht die französische Autorenfilmerin mit zwischenmenschlicher Sensibilität die Spaltung zwischen Leib und Seele, die Verwandlung sinnlich zerfahrener Spannung in grobsinnliche Fremdsteuerung. In der Zukunft, in der „High Life“ sich ohne allzu viel kommentierenden Kontext entfaltet, betreiben Strafgefangene ihren eigenen (pervertierten) „Ablasshandel“ – ihr Sündenregister leistet einen gesellschaftlichen Beitrag. Sie, unter ihnen Monte (Robert Pattinson), stellen sich der Wissenschaft zur Verfügung, geraten dabei in die Hände der erotisch-schweigsamen Dr. Dibs (Juliette Binoche) und empfehlen sich als Ersatzteillager für eine Schwangerschaft. Den Männern wird Sperma abgezapft, den Frauen ihren Willen genommen.

© Pandora Film

Zuweilen familiär mutet der Unterbau an, der diesen Film erdet. Robert Pattinson signalisiert erneut, dass er die Lautlosigkeit bis zur Schläfrigkeit beherrscht. Er ist Vater geworden. Das Nichts erschuf das Leben. Die kleine Willow (Jessie Ross) erblickte die Stille der Welt. „High Life“ gewinnt an Tiefensinn, wenn das gediegene, rhythmisch sezierende Tempo auf moderne Diskurse um Vaterschaft und Reproduktion rekurriert. Noch dazu lebt Monte (Pattinson) bioverwertend: Sein Urin und Kot werden als Wasser und Nahrung wiederaufbereitet. Dieses futuristische Kammerspiel – denn als solches tarnt sich „High Life“ – spinnt die Geschicke der Zukunft weiter, ohne das Zeitbewusstsein für die Gegenwart zu verlieren. Die Vergangenheit selbst ist Staffage, ein grobkörniges Vergessen, das vergessenen Schnittbildern aus „Stalker“ (1979) nahekommt. Worunter diese Zeit leidet und wer überhaupt diese Menschen sind, die der Forschung hörig sind, bleibt rätselhaft.

Das überschaubare Budget half dem Film gewissermaßen, eine Form der Sparsamkeit zu finden: industrielles Licht, monochrome Malerei. Einen Großteil verbringt der Zuschauer in seinem inneren Gedankenraum fernab des Schwarzen Loches, das angesteuert wird. Diese Außenszenen sind es, die tricktechnisch kaum erinnerungswürdig ausfallen – vielmehr dienen sie der Übertragung von Metaphern, etwa einer Eizelle, die im Kosmos der Lichter befruchtet wird. Die klassische Studie über Klaustrophobie, deren Nebenwirkungen zumeist im Wahnsinn kulminieren, weist Claire Denis von sich. Sie interessiert sich für die Art von jener sexualdestruktiven Klaustrophobie, in der Begierden sich berauschend entladen. Denis‘ dazugehörige Bilder sind geschmackvoll unanständig – ein orgiastischer „Fickraum“ befriedigt die animalischsten Gelüste, wohingegen Vergewaltigungsversuche den Alltag im All bestimmen. Die Menschen entkommen weder ihren Trieben noch ihrem Mitgefühl.

Titelbild © Pandora Film

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