Filme: »Düstere Legenden« (1998)

BLÜHENDE FANTASIE

(»Urban Legend« – USA 1998/Regie: Jamie Blanks)

In den 1990er Jahren, unmittelbar vor Wes Cravens Kultreflexion „Scream – Schrei!“ (1996), war der Horrorfilm an einer Weggabelung angelangt. Er musste sich entscheiden, wohin er wollte. Wollte er nach rechts abbiegen und weiterhin ein repetitives Programm abspulen, das sich unlängst verfing? Oder führte der Weg nach links, um sich dem Genre selbst zu stellen? In den 1990er Jahren führte vor allem kein Weg mehr daran vorbei, dass der Horrorfilm alles erzählt hat. Der Horror war ausgekundschaftet, schlicht und ergreifend überwunden. Craven und sein Drehbuchautor Kevin Williamson hielten die Talfahrt eines anachronistischen Genres auf, indem sie nach den Chemikalien und Spurenelementen forschten, durch die das Gemisch des Horrorfilms überhaupt erst entsteht. Sie konfrontierten ihr Horrorpublikum mit ihrer Pathologie und ihrem Durchhaltevermögen: Welcher Konditionierung unterlag der einzelne Horrorzuschauer, damit er sich in gleichbleibender Art und Weise den Schrecknissen von Regeln unterwirft? Neue Regeln mussten also her – „Scream – Schrei!“ hatte den Anspruch einer metafilmischen, gleichfalls soziologischen Hinterfragung. Wo der Horrorfilm an einem Endpunkt angelangte, wurde der Horrorfilm unter Craven und Williamson am Nullpunkt des Genres geboren: Das Wegkreuz deutete zum Horror über den Horror.

Als Vorreiter einer Bewegung zog Ghostface eine unerklärliche Menge an Nachzüglern an, die (größtenteils vergeblich) versuchten, Gedanken und Impulse zu verarbeiten: etwa Eigenschaften wie Selbstreferenzialität, Ironie und Kommentierung. Zwei Jahre nach „Scream – Schrei!“ entstand ein weiterer Ableger. „Düstere Legenden“ ist der zweite Spielfilm von Jamie Blanks, zugleich ein gewitzter Epigone, ohne sich etwas darauf einzubilden. Das große Vorbild schimmert zwar durch, aber es durchbricht nicht die Oberfläche. Folglich gehört „Düstere Legenden“ zu den lustvolleren, Seemannsgarn spinnenden Filmen im Fahrwasser anderer. Die Ausgangssituation mutet kreativ an: Ein Serienmörder (respektive „Geisteskranker“) treibt sein Unwesen auf dem Campus einer Universität und wird dabei inspiriert von allerhand sagenumwobenen Legenden. Ikonisch sein Auftreten: Parka mit Wollkapuze, das Gesicht leer und gestaltlos, seine Bewegungen bedächtig, aber effektiv. In einer Szene – nachdem er die Axt schwang – grüßt er die Protagonistin, der keiner glaubt (Alicia Witt). Ein Gruß an uns. Wer auch immer der Killer ist, hat seinen Spaß und wird (als Idee) wiederkehren. Schließlich werden Horrorgeschichten, Geschichten über das Verdrängte in uns, seit jeher einfallsreich recycelt.

© Columbia Tristar Home Video

„Wiederverwertung“ ist das Stichwort auch direkt in einem Film, der die horrorinterne Logik von Erzählmechanismen aufs Korn nimmt. Nachdrücklich hält Prof. Wexler (verschenkt: Robert Englund) eine Vorlesung über den sozial konstituierenden Effekt von Legenden. Für Kinder der Werbung, aber auch für solche, die sich auf dem Schulhof Geschichten zuflüsterten, fungieren Legenden als Verstärker einer nicht begründbaren, unterschwelligen Angst, die mühelos jegliche Logik überwinden. In „Düstere Legenden“ verzeichnen die Figuren keine Fortschritte, wenn sie ihrer Rationalität vertrauen und erbittert darum kämpfen, die Morde als Verzweiflungstaten zu zerreden. Sie wollen Beweise oder zumindest „sehen“. Natalie (Witt) ist die einzige, die „glaubt“. Nicht der Dekan (John Neville), nicht eine Polizistin (Loretta Devine). Da sich jedoch die Geschehnisse zuspitzen, werden die Figuren zu ihrem Glauben gezwungen. Auch wenn Legenden von jeder Generation aufs Neue ausgeschmückt werden, obwohl ihr Kern beibehalten wird (ist damit nicht auch der Horrorfilm per se gemeint?), repräsentieren sie das in einer durchrationalisierten Spätmoderne fehlplatziert Absonderliche: den Glauben an etwas, das sich unserer Wohlkalkulation entzieht und im Positivsten die Fantasie anregt.   

Die Fantasie von Jamie Blanks schlägt tatsächlich Purzelbäume. Im Gegensatz zu „Scream – Schrei!“ erfordert es der magische Kontext vielerlei makabrer Legenden geradezu, dass Blanks Slasher zur Überspitzung (und zum Starkregen) neigt. Ob jemand geköpft, erhängt, erwürgt oder mit Abflussreiniger verätzt, ob ein Hund zu Mikrowellengulasch zerkocht wird – der Erfindungsgabe sind keine Grenzen gesetzt. Leichter satirischer Wind durchzieht das „Killkonto“ des Killers infolgedessen: Der logistische Aufwand muss enorm sein – und der Killer, getrieben von abnormaler Vorausschau, bewegt seine Opfer spielend leicht dorthin, wo er sie haben will. Unverkennbar macht sich der Film den Dienst des Unernsten zunutze. Auch die Figuren verkörpern Slasher-Futter für jedermann, Haltbarkeitsdatum irgendwann zwischen 1990 und 1999. Während Damon (Joshua Jackson) das postmoderne Paradigma eines Typen eingeschrieben ist, dem nichts heilig ist, um es zu persiflieren, und die Radiomoderatorin Sasha (Tara Reid) für offenkundig sexuelle Spannung sorgt, reiht Blanks einen Verdächtigen nach dem anderen aneinander, der allein seiner merkwürdigen Eigenheiten wegen in Frage kommt, zum Beispiel den schauerlichen Hausmeister (Julian Richings) oder gar den (Möchtegern-)Journalisten Paul (Jared Leto).

© Columbia Tristar Home Video

Paul ist es auch, der – zunächst Sensationsberichterstatter – investigative Nachforschungen auf Druck Natalies betreibt. Der Glaube ist nichtsdestotrotz schwer. Getreu des Genres, leben die Figuren in ihrer eigenen Fiktion, wiewohl sie nicht an das Reale glauben, das sonst Gegenstand alter Gruselgeschichten ist. In „Düstere Legenden“ herrscht ein Bruch zwischen Realität und Fiktion. Die engagierte Polizistin Reese (Devine) möchte so sein wie der Superbulle Pam Grier, der schießt, bevor er fragt. Die Bewährungsprobe Reeses liegt darin, auf eigene Faust den Killer zu fassen. Sie erscheint – natürlich – im allerletzten Moment, als der Killer den Fehler begann, genreklassisch mehr zu reden als zu handeln (ein Killer im Übrigen, der eine sonst patriarchalische Spielart des Horrorkinos geschlechtssubversiv auf den Kopf stellt und höchstselbst einen existenziellen Verlust durchlitt). Aber Reese wird angeschossen, blutet schwer. Das Verhaften, Abknallen fällt ihr nicht leicht. Reese befindet sich in keinem Film. Die Aneignung von Filmen, von Fiktion und Fiktionalität, deutet unmissverständlich daraufhin, dass wir lediglich unseren eigenen Film drehen, in dem nichts so unkompliziert ist wie in den Filmen, die andere für uns drehen, und in den Legenden, die nicht nachlassen, uns heimzusuchen.   

Titelbild © Columbia Tristar Home Video

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