Filme: »Sunset« (2018)

IN BUDAPEST

(»Napszállta« – UNG, F 2018/Regie: László Nemes)

Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs erreicht eine junge, adrett gekleidete Frau (Juli Jakab) Budapest. Sie erhofft sich eine Anstellung im Hutmachergeschäft ihrer verstorbenen Eltern. Einige Nachforschungen später weiß sie weder, welchem politischen Lager sie sich zugehörig fühlt, noch, was sie nach ihrer Ankunft bezwecken wollte. Was hat es mit dem Geschäft und dessen neuem Leiter (Vlad Ivanov), was hat es mit ihrer Familie auf sich? Auch nach knapp zweieinhalb Stunden, zweieinhalb Karusselldrehungen und gewiss zweieinhalb ganzheitlichen Erkundungen ist der Ausgang dieses „Irrgarten[s] aus Fassaden und Ebenen“ (László Nemes) ungewiss. Iris (Jakab) scheint uns ferner, je festgefrorener die Kamera (Mátyás Erdély) – von ihrem Rücken aus – das Zeitgeschehen registriert. Einst verschwammen Mord, Fleisch und Abfall in Nemes‘ Spielfilmdebüt „Son of Saul“ (2015), jetzt geht erneut die (historische) Halterung verloren. Alles lockert sich: Sprachen, Licht, Objektivität. „Sunset“, in Anlehnung an Murnaus „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ (1927), erzählt, physisch ausgeprägt, von „Ungewissheit und Zerbrechlichkeit“ (Nemes).

Iris vernimmt Lebenszeichen – ein Bruder existiert, irgendwo im Schatten, ein Mörder und Umstürzler gegen die dekadente Großbürgerlichkeit. Daneben verenden die Versuche, mehr über die Leiters, so Iris‘ Familienname, zu erfahren, in brüsken Ausflüchten. Vlad Ivanov spielt einen Mann, der den Namen der Leiters reinwusch, gleichzeitig aber ihre Geschichte verborgen hält. Seine Angestellte Zelma (famos: Evelin Dobos), die sich um die Hutmacherinnen kümmert und sie in ihrer Arbeit anweist, gibt dem Geheimnis ein Gesicht mit ihrem Gesicht: verwegen, sinnlich. Schwer zu durchschauen. Die Protagonistin in „Sunset“ wird an ihrer Entfaltung gehindert, der diskontinuierliche Kamerafluss zwingt sie in ein Korsett aus flüchtigen Hinweisen. Einmal erschlägt sie jemanden (vermeintlich), ein anderes Mal mischt sie sich (mehrmals) unter Tanzende. Iris reißt aus, macht nie das, was ihr aufgetragen wurde. Ihre obsessive Fragerei beschleunigt ihre obsessiven Bewegungen. Zwischen Diplomatie und Revolte entsteht die Vorgeschichte einer Geschichte, wie sie sich zweimal in den Weltkriegen wiederholen sollte – die Diffusität in Stellung gebrachter, sozialer Angst.

© MFA+ Filmdistribution e.K.

Von der Brüchigkeit historischer Wechselwirkungen lebt László Nemes‘ Film, ein „Kino mit der Magie von Physik, Optik und Chemie“, so der Ungar. Wer mit wem wodurch und mit welchem Ziel anbandelt, bleibt (mit Absicht) den Gedanken des Publikums überlassen. Die formstrenge subjektive Perspektive, mit den Augen Iris‘ das Jetzt und das Danach wahrzunehmen, bildet, Schicht um Schicht, einen Horizont geschichtlicher Greifbarkeit durchweg neben ihrem Körper rechts und links ab. Die Bildmitte hingegen verdickt mit der Hauptfigur. Trotz alledem: „Sunset“ stellt eine, unter Umständen, sterile sowie ästhetisch meist überladene Innenschau dar, die seiner Bezugsperson ein wenig zu energisch vertraut – trotz einer konsequent umgesetzten Gedrängtheit fühlt man sich als Zuschauer wie ein teilnahmsloser Begleiter von Iris, anstatt wie jemand, der voller Elan miträtselt und ihre Abweisungen gefühlig miterträgt. Im Gegensatz zu „Son of Saul“ wählte Nemes warme, weiche Farben, die umso rabiatere dunkle Spritzer aufweisen: die Tücken des Graus und des Vergänglichen, eben die Tücken des Mysteriums. Der ungarische Filmemacher hat dafür (s)einen stilistischen Stempel gefunden. Hätte er doch nur nicht so fest damit aufgedrückt.             

Titelbild © MFA+ Filmdistribution e.K.

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