Dokumentationen: »Kroos« (2019)

DER KROOSARTIGE

(»Kroos« – D 2019/Regie: Manfred Oldenburg)

Das Schuhwerk muss sauber sein. Auf das wichtigste Werkzeug des Fußballers achtet Toni Kroos penibel, weshalb er lieber eigenhändig die Pflege seiner (zwingend) weißen Treter übernimmt. Andere spülen Geschirr, Kroos spült Schuhe. Dieser Mann vertraut wenigen. Obwohl er die Kameras anzieht, ist er am liebsten mit seiner Familie für sich und erledigt die ihm übertragenen häuslichen Pflichten, auch wenn er sich die Finger schmutzig macht – Toni Kroos ist der moderne Mann. Jobsharing, Nanny, Sandkastenkamerad. Ruhend, hörend. Langweilig? Nein, gelassen. Kroos ist (äußerlich) unempfindlich gegenüber der Extravaganz eines Sports, der in seinem aggressiven Selbstverkauf das Bescheidene verlor. In diesem Sinn hat Manfred Oldenburg einen adäquaten Tandempartner gefunden, wenn es darum geht, dass Gesellschaften nicht nur auf die Lauten und Lautesten hören sollten. Gezielt, aus dem Augenblick heraus dreht Oldenburgs „Kroos“ die Lautstärke ab, um zwischen der Gartensparte in Greifswald und der Explosivität in Madrid ein paar öffnende Pässe durch die Abwehr an den Zuschauer zu bringen: „‘rough‘ und direkt“ (Oldenburg).

Da steht er am Balkon seines Apartments in Miami und schaut an der Skyline vorbei ins Gewitter, die aus kahlen Glasfassaden der Hochfinanz besteht, auf den WM-Siegesbildern ist er in der Ecke mit seinen Schnürsenkeln beschäftigt und den Champions-League-Henkelpott hält er hingegen für wenige Sekunden, ehe er sich von der Nahaufnahme schüchtern, ja beschämt abwendet – Toni Kroos als Exot im Konkurrenzzoo des Fußballs, des Profisports zu bewerten, wäre untertrieben. Tatsächlich kursieren in „Kroos“ pointierte Zuschreibungen, die dem Kicker seine Rolle zuweisen. Ein Landvermesser sei er, so Marcel Reif. Ein Dirigent, so Matthias Sammer. Elegant und effizient, so Wolfram Eilenberger. Für diese Eigenschaften muss der Fußballer nicht mehr sein als ein Fußballer. Und Kroos ist keineswegs mehr als ein Fußballer. Er ist irgendwie Genießer, irgendwie Arbeiter, irgendwie unerfüllt deutsch und irgendwie ausgefüllt spanisch und mit sich im Reinen – die Ironie, dass er erst im Umfeld von Real Madrid, der für einen jungen Spieler wohl himmlischsten Hölle, sich zu dem entwickelte, der er geworden ist, verstört in Anbetracht der Doppelbelastung, ein privates Leben zu managen und ein öffentliches führen zu müssen. 

© NFP marketing & distribution GmbH

Aber Toni Kroos hat sie alle überrascht. Sogar Uli Hoeneß. Ob es die richtige Entscheidung war, Kroos für eine – nach heutigen Maßstäben – läppische Ablöse ziehen zu lassen? Hoeneß hadert, ehrlich und aufrichtig. Er ist sich nicht sicher. Sicher ist, dass „Kroos“ eine glückselige Erbauungscollage darstellt, die sowohl stark biografisch als auch stark persönlich ausfällt. Das Filmteam um Manfred Oldenburg arbeitete eng mit der Familie Kroos zusammen. Zu Wort kommen seine Ehefrau Jessica, sein Bruder Felix, nicht zuletzt seine Eltern und Großeltern. Trainer und Spieler, die ihn begleiteten und begleiten, beleuchten indes die Professionalität des Deutschen, mit der er die Dinge auf und neben dem Platz regelt. Es schält sich ein Bild heraus, das erst bei näherem Hinsehen den anfänglichen Eindruck eines kalten, technischen Phlegmatikers mit dem letztendlichen Eindruck eines siegesgewissen, unerklärlich selbstsicheren Charismatikers neutralisiert. Die Dokumentation schildert eine Umkehrung dessen, in welche „Verhaltensmechanismen“ (Oldenburg) Erfolg münden kann – im Fall von Toni Kroos in keine gesteigerte Eitelkeit, sondern in eine wachsende Unabhängigkeit.  

Einen Superstar, der keiner sein will, in seinem eigenen Umfeld kennenzulernen, ist das Ass, das „Kroos“ im Vergleich zu konventionelleren, da meist „vogelperspektivischen“ Dokumentarporträts in petto hat. Kritischere Reflexionen minimiert Oldenburg trotzdem auf ein verträgliches Maß – ähnlich wie „All or Nothing: Manchester City“ wird einem Toni Kroos sympathisch, weil die zu einer einseitigen Montage gewebten Bilder ihn sympathisch erscheinen lassen, ohne jemals unangekündigt in der Kabine aufzutauchen. So bemängelt Marcel Reif höchstselbst sein Versäumnis, Kroos vorurteilsfrei rezipiert zu haben. „All or Nothing: Manchester City“ aber wagte wenigstens den Versuch, das Team (und damit dessen Akteure) nach Niederlagen einzufangen. Wie fühlte sich – dahingehend – Kroos, als Real Madrid ein verkorkstes Ligaspiel nach dem anderen ablieferte? Und: Was bewirkte das Vertragsangebot Reals überhaupt in ihm? Warum entschied er sich, die Herausforderung bei einem unablässig Druck generierenden Giganten anzunehmen? Der Toni ist halt der, der nie einen Fehlpass spielt und nie aus sich herauskommt. Brauchte es dafür „Kroos“?  

Titelbild © NFP marketing & distribution GmbH

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