Filme: »Once Upon a Time … in Hollywood« (2019)

DIE GEISTER DER AHNEN

(»Once Upon a Time … in Hollywood« – USA, GB 2019/Regie: Quentin Tarantino)

Erinnerungen an das Hollywood von 1969 keimen auf, Erinnerungen an Sharon Tate. Sharon Tate ist Jackie Brown – sie ist sich der Obsession eines Regisseurs sicher, der alles für sie geben würde. Margot Robbie spielt Sharon Tate mit süßlichem Staunen, und über dem sonnenhellen Hollywood von 1969 liegt ein sonnenvertrocknetes Gewitter unausweichlichen Unheils. Die Grausamkeit einer bis in den Nachbargarten reichenden Gewalt prägte Hollywood anno 1969. Für Quentin Tarantino war das selbstredend kein Grund zu kapitulieren, er will das Naive konservieren und die Verantwortung von sich weisen. „Once Upon a Time … in Hollywood“ ist, historisch gesehen, 1969 genauso wenig wie ein Eingeständnis zum Fortschritt. Wie immer – Tarantino ist Tarantino, und sein Werk plappert über sich als Werk. Wie sieht 1969 bei Tarantino aus? Nach einem Tarantino-Jahr. Milde Wärme. Wüste Zitate. Verstiegene Kinoliebe. Körper, Autos, Leinwände. Künstler. Künstlerinnen. Karrieristen. Gossentümmler. „Once Upon a Time … in Hollywood“ versteht sich als Apotheose des Stillstands – Quentin Tarantino hat seinen Zenit erreicht, und spätestens seit „Django Unchained“ (2012) weiß man, warum. Die Dramaturgie wurde ambitionierter und historisch ausladender, und der Drang (oder die Faulheit?), in älteren Semestern lediglich von seinen Trademarks früherer Semester zu leben, suchte irgendwann auch den ehemaligen Videothekar heim.

Annähernd parodistisch setzt sie Tarantino ins Bild und affiziert sie bis zum Fetisch, diese Trademarks. Füße, unendlich viele Füße. Beine und Füße und Zehen. Zehen mit Hornhaut. Dreckige Zehen. Ein Erzähler. Akt- und Uhrzeitstückelung. Red-Apple-Glimmstängel. Musik. Dauernd Musik. In „Once Upon a Time … in Hollywood“ passieren die Figuren ein Los Angeles, das einmal war, ohne je anzukommen. In „Once Upon a Time … in Hollywood“ existiert insofern keine Geschichte über die Stadt der Engel, sondern die Atmosphäre einer Geschichte während ihres Erzählens. In „Once Upon a Time … in Hollywood“ glimmt die Bewegung. Tarantino rhythmisiert Schwingungen des Lebens zwischen Exzentrik und Zuwendung. Selbst der Tarantino-Sprache wird kein extravagantes Gewicht zugesprochen, denn die scharfen Dialoge des Auteurs von einst vergilben wie jene LSD-Zigarette, die Cliff (Brad Pitt) erwartungsvoll erwirbt. Damit ist „Once Upon a Time … in Hollywood“ nicht unbedingt allein. Filme wie „Der Tag der Heuschrecke“ (1975), „Nashville“ (1975) oder etwa „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (2014) prognostizierten die Unübersichtlichkeit der Umstände, je unhaltbarer der Aufbruch sich darstellte. Auch Tarantinos Hollywood-Hommage ist dahingehend eine Hollywood-Dekonstruktion, als dass er die Geschichte zu seinen Gunsten erzählt.

© Sony Pictures Germany

Im Vorfeld des Films durfte man gespannt sein, wie seine Version von 1969 ausfallen dürfte. Und tatsächlich: Tarantinos Sehnsucht ist groß. Die vielen Film-in-Film-Referenzen zwingen uns zur Hypnose, zur Transzendenz – wir müssen uns diese Filme ansehen, müssen eins mit ihnen werden, und die Filmposter, die nicht nur dekorativ zu verstehen sind, erlauben erst das erforderliche Maß an Identifikation. Auf mehr als auf flüchtige Nostalgie will sich Tarantino allerdings nicht einlassen. Die Kinos, das Projektorlicht, die Stars: Tarantino affirmiert die Dynamiken (s)einer Zeit zu einem samtweichen, geatmeten Rückblick, der trotzdem gegen die Veränderung machtlos war. Das hat etwas Verzweifeltes an sich. Es stellt sich kaum mehr die Frage, ob Tarantino dem Kino noch Originäres mitzuteilen hat. Es stellt sich die Frage, inwieweit das, was er uns neuerdings mitteilt, über das Kino hinaus Bestand hat. Aus „Once Upon a Time … in Hollywood“ pustete Tarantino die Seifenblase, die er brauchte – und aus derem bunten Glibber er nicht entkommen will. Dementsprechend wird der „Hippie“, Prophet des „Neuen“ und Nörgler des Status quo, zum Dauerfluch für die Figuren schlechthin. Er ist negativ konnotiert, gewaltbereit und zu alledem ein Zombie. Nicht eine einzige rostige Nadelspitze darf Tarantinos konservative Illusion einer besseren Welt zunichtemachen.

Warum aber ist Tarantinos 1969er-Welt „besser“? Die (ungewollte) Tragik seines Hollywood-Märchens findet sich in der Gegenüberstellung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Stagnation und Wachstum. Die Hauptrolle bekleidet der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), seines Zeichens ein armes Würstchen, das sich von Rolle zu Rolle entwürdigt. Dalton vergisst seine Texte. Dalton säuft, obwohl er sich vom Saufen abhalten will. Dalton hat Größeres verdient. Seiner Meinung nach. Ist Dalton nicht der schlagende Beweis dafür, dass das Hollywood von 1969 in seiner Vulgarität, seinem Bedeutungszwang und in seinem Potenzgerangel nicht genauso selbstbesoffen wie das heutige Hollywood daherkommt? Die Hybris des kleinen Mannes, dessen (zweifelhaftes) Talent scheinbar nicht gut genug für jene Aufgaben ist, die man an ihn heranträgt, kulminierte bereits 1969 inmitten des Missverständnisses, dass alles sich fügen wird. Tarantino glaubt an dieses Missverständnis, muss an dieses Missverständnis glauben. Die Geschichte schreibt er ein weiteres Mal um. Sharon Tate – hochschwanger – wurde nie ermordet. „Once Upon a Time … in Hollywood“ strahlt eine Zuneigung aus, die es unmöglich macht, dem Lauf des Schicksals in die Augen zu sehen, und daher gekünstelt, ganz und gar falsch um eine stehengebliebene Welt wirbt.

© Sony Pictures Germany

Wäre Leonardo DiCaprio nicht permanent der Grimassenschneider Leonardo DiCaprio und würde Rollen zu Leonardo-DiCaprio-Rollen transformieren, wäre mehr, viel, viel mehr Leben in diesem Film. Erstmalig wird ein Quentin-Tarantino-Film nicht von der brandenden Banalität seiner Charaktere emporgehoben, unter der sich echtes, unverfälschtes Lebens- und Lustglück verbirgt. Exemplarisch: Sharon Tate (Robbie) verbleibt – ausschließlich – als Symbol dessen, dass die neugierigen Wunder im Kino seinerzeit noch Bestand hatten. Tarantino lädt Tate in ein Lichtspieltheater (im wahrsten Sinne des Wortes) ein, um einerseits die Seele baumeln zu lassen und sich andererseits in „Rollkommando“ (1968) höchstselbst großen Auges und zuckrigen Mundes zu betrachten: Sie schaut Filme und in sich, und das ist die Wahrheit des Films. Als Mythengöttin der Swinging Sixties, die mit ihrer engelsblonden Schönheit Hollywood jugendlich umgarnt und mit ihren lasziven Beinen das Kameramotiv Tarantinos ausfüllt, verliert sich auch Sharon Tate irgendwo irgendwann am Vorabend brüchiger Garantien zwischen alt und neu. Ausgerechnet der dauerhungrige Hund Cliffs sowie die junge Julia Butters, die ein altkluges Mädchen mimt, das mit allen Wassern gewaschen ist, verköstigen letzte Momente anachronistischen Tarantino-Charmes selbstreflexiv: Der Schauspieler müsse, so Trudi Fraser (Butters), nach Perfektion streben, obgleich er sie nie erreichen werde. Allein – der Versuch zähle.

Manchmal ist er wahrhaftig da, der Versuch, „Once Upon a Time … in Hollywood“ mehr als einen Versuch ausgestellten Rekombinierens aussehen zu lassen. Cliff Booth ist einer der spannenderen Typen im Los Angeles der 1960er Jahre, weil seine selbstauferlegte Größe, konträr zu Rick Dalton, dem Ureigenen einer entspannteren Spontanität untergeordnet wird. Brad Pitt kann – und das ist preisverdächtig – von sich behaupten, dass er Hundefutter gelassener und effektiver aus der Dose holt als Elliott Gould („Der Tod kennt keine Wiederkehr“, 1973). Booth begeistert mit einer gleitenden Lässigkeit im Herzen der unbekümmerten 60er, der seinem Kollegen und Kumpel Rick behilflich ist, ohne je zu murren. An ihm zieht der Regen vorbei, auch wenn es dort, wo er lebt (oder sein Leben ausschläft), in Strömen gießen würde. Als Booth an einer Ranch Halt macht, auf der benebelte Hippies hausen, und die Chance nutzt, einen dort wohnenden Kollegen (Bruce Dern) von früher zu besuchen, steigert Tarantino die Spannung – jederzeit könnte Leatherface aus dem Gebüsch mit vorgehaltener Kettensäge angreifen. Spätestens in dieser ausgefeilten Sequenz wird ersichtlich, wie ausgedorrt die Menschen unter der Sonne Kaliforniens vor dem Zeiten- und Generationswechsel vegetieren. New Hollywood klopft sich den Wüstensand von den Schuhen. Die Welt wird sich weiterdrehen.

© Sony Pictures Germany

„Once Upon a Time … in Hollywood“ wirft mehrere Fragen auf: Was ist mit Booths Frau geschehen? Und: Ist der Film das Eingeständnis eines Filmemachers, der (womöglich ein letztes oder vorletztes Mal) versöhnlich vor sein Publikum tritt, indem er ein letztes oder vorletztes Mal der „PulpFiction“-Dude sein will? Wenn Booth George (Dern) auf besagter Ranch trifft, ist nichts passiert. Vorerst löst sich alles in Wohlgefallen auf. Das Leben wird verlängert, die Sterblichkeit abgewiesen. Vorerst. Denn bevor der Refrain von „Mrs. Robinson“ 1969 beschallen kann, würgt der Schnitt (Fred Raskin) den Höhepunkt ab – zu sehen sind nachfolgend die Sträucher an den Privatstraßen der Stars und Sternchen, beleuchtet von gepflegtem Lampenlicht. Jegliche Zersetzungstendenzen, die 1969 gleichfalls charakterisier(t)en, überzieht Tarantino mit der Romantik eines reichen, erfüllten Daseins. Er reflektiert nicht über ein Jahr, das mit dem Tod Sharon Tates „endet“ und dessen Kino gewissermaßen seine Unschuld verlor. Die Zeit meint es sowieso nicht gut mit den Dario Argentos, Brian De Palmas und Tim Burtons dieser Kinowelt: An genau diesem Punkt jener drei Filmemacher ist auch Quentin Tarantino angelangt. Wenngleich Tarantino Zweifel an den Entwicklungen des Gegenwartskinos hegt, liefert er allzu Gegenwärtiges: eine Kopie seiner Kopien von Kopien.

Darunter den Western, denn Rick Dalton ist Kopfgeldjäger (von Berufs wegen). Gebucht wird er als Bösewicht für alle möglichen TV-Projekte, aber in „Bounty Law“, einer fiktiven Westernserie, brilliert er, und das über den Piloten hinaus. Was dabei nebenbei nicht fehlen darf, ist Tarantinos Liebespoem gegenüber Sergio Corbucci, dem, wie es heißt, zweitbesten Italowestern-Regisseur. Und zum Abschluss duellieren sich die (zufällig zusammengewürfelten) Kontrahenten auf beiden Seiten des Gesetzes, der Kultur, der Zeit bis zu einem Massaker. Seit drei, vier, fünf Filmen ist Tarantinos Country Western-Territorium. Man kann es böse mit ihm meinen und ihm sarkastisch zurufen: Nicht schon wieder! Oder man versucht, eine Entwicklungslinie nachzuvollziehen: Tarantino verkörpert fortan den Retter der Armen, wo er früher das Kino retten wollte, obwohl nicht sicher ist, ob beides nicht das Gleiche meint. Er rettete die Juden und die Sklaven aus Rache, jetzt rettet er Sharon Tate aus Rache an ihren Peinigern, die jenen Weg geebnet haben, durch den sich das Kino radikal erneuerte. Die Mittel, derer er sich bedient, bestehen nicht (mehr) aus dem Gebrauch der Sprache gegenüber Straßenintellektuellen, sondern begünstigen den Gebrauch von Feuer(kraft) gegenüber dem banalen Bösen. Der „neue“ Tarantino geht mit aller Gewalt vor. Er will das Historische karikieren, auslöschen, ohne in Erwägung zu ziehen, dass das Historische seinen kollektiven Wert hat – im Gedächtnis wie im Gedenken, im Verstehen wie im Zukunftsgerichteten. Quentin Tarantino ist sein eigener Feind geworden.  

Titelbild © Sony Pictures Germany           

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