Filme: »ES Kapitel 2« (2019)

27 JAHRE SPÄTER

(»IT Chapter Two« – USA 2019/Regie: Andy Muschietti)

Sie sind erwachsen geworden. Bill, Beverly, Ben, Richie, Eddie, Stanley und Mike sind erwachsen geworden. 27 Jahre sind vergangen. Noch einmal durch die „Verwehungen und Verwerfungen der Zeit“, des Begeisterns und Entgeisterns. „ES Kapitel 2“ komplettiert eine Geschichte von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden. Zugleich stellt Andy Muschietti uns eine Frage: An was glauben Sie? Sollten wir aber nicht lieber die Frage umdrehen: An was glauben Sie, Herr Muschietti? Andy Muschietti glaubt weniger als Stephen King, der sich 1986 nach dem Glauben verzehrte. Er glaubte an die Verlierer, die (vorerst) gewannen. Er glaubte an das einvernehmliche, unkaputtbare Band zwischen den Romantikern aus der Nachbarschaft. Stephen King glaubte an die Produktivkraft der Geisterbahn gegen die heimlichen und heimlichsten Schwächen, sich in ihr zu bewegen. „ES“ war ein Jahrhundertwerk, in dem sich die Geschichte verewigte. Andy Muschietti hingegen glaubt, dass das Böse zu trivial ist, als dass es ewig anwesend sein könnte. Sobald er das Böse kommen sieht, es inszeniert, es ausstellt, dann purzeln die Sprüche, dann wird das Böse kleingeredet, dann wird es der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Regisseur hat den Autor nicht verstanden. Nirgends in „ES Kapitel 2“ begegnet uns Stephen King, obwohl Stephen King draufsteht und mitspielt. Mit geringstmöglichem Widerstand adaptiert Muschietti nach Lust und Laune das, worauf es nicht ankommt.

Worauf kam es bei Stephen King nicht an? Auf den physischen Horror. Muschietti ist besessen von der Körperlichkeit des Gestaltwandelns – mehr als noch in „ES“ (2017). Pennywise (Bill Skarsgård) mutiert zu einer halben Spinne, zu einer zombifizierten Oma, zu einem Obdachlosen, zu einem Welpen. Pennywise mutiert. Und mutiert. Der dramaturgische Rhythmus lässt den Schluss zu, dass „ES Kapitel 2“ kein Film ist, sondern ein Potpourri von Kurzfilmen, in denen eine der Figuren permanent von Auswüchsen ihrer sich gegenständlich manifestierenden Angst belagert und bedroht wird. Immer wieder „passiert“ etwas, immer wieder rattert die Geisterbahn. Immer wieder fließt, zischt und köchelt es. So lange, bis das Böse gar keine Geltung mehr hat. An das Böse glaubt dieser Film nicht. Wenn das Böse nebeneinander und aufeinander geschichtet wird, wenn es rudeltiermäßig das Gute heimsucht, erhält das Böse eine Komik, die kathartisch wirkt. Für Stephen King war das schlimmere Böse jenes, das lauert, sich aber nicht direkt vorstellt. Es war ein Böses, das kosmisch zwischen den Zeiten, zwischen den Kulturen, zwischen den Wänden beheimatet war. Andy Muschietti dagegen gibt dem Bösen unmissverständliche Gesichter. Obgleich „ES“ im Grunde ein ernstes Märchen war, das im Schmerz der Liebe wie im Schmerz der Verantwortung die Grenzen des Glaubens auslotete, erscheint „ES Kapitel 2“ wie eine zweifelhaft witzige Parodie seiner Vorlage.   

© Warner Bros.

Und Muschietti hält sich damit nicht zurück. Im Gegenteil. Zweieinhalbmal entzweit er die Figuren, wodurch jeder und jede in ein kleines oder großes Horrorintermezzo gerät, das es zu überwinden gilt. Die Trickmaschinen auf Volldampf gestellt, versucht der Regisseur, sein Publikum redundant zu erschrecken – Musik schwillt an, die Schritte werden bedächtiger, Peng! „ES Kapitel 2“ ist womöglich für jene gedacht, die entweder niemals einen Horrorfilm gesehen haben oder den Horrorfilm für grundlegend nichtig halten. In der Tat arbeitet der „Horror“, so er denn überhaupt einer ist, nicht den Charakteren zu, sondern dem Effekteteam. In einem Spiegelsaal, auf einer „Shining“Toilette oder in einem ranzigen Gemäuer unweit eines Kopfes, aus dem haarige Spinnenbeine hervorschießen („Das Ding aus einer anderen Welt“, 1982), zaubert das Team wahrlich fleischlich-ventilierenden Grusel. Aufgrund seiner Vielzahl an Variationen, verliert der Grusel gleichwohl seine Dringlichkeit. Sobald es spannend wird, spannend werden könnte, wird der Grusel komödiantisch neutralisiert und seiner Brenzligkeit beraubt. Dann haut Richie (Bill Hader) einen Mutterwitz raus, dann hysterisiert Eddie (James Ransone) in Schweiß und Säure, dann lacht der Club der Verlierer. Hat irgendetwas in diesem Film Gewicht? Höchstens für Instagram. Am Ende hocken Beverly (Jessica Chastain) und Ben (fehlbesetzt: Jay Ryan) einander zugeneigt auf einer Jacht. Ihre Follower würden grölen.

Überhaupt: die Charaktere. Sie sind keine. Sie sind deshalb keine, weil sie sowohl der Horror als auch das Unernste erdrückt. Sind sie Erforscher, Entdecker, treiben sie wenigstens wirksamen Unsinn? Fehlanzeige. Beispiele: Wer ist Mike (Isaiah Mustafa), wer Stanley (Andy Bean) und wer Henry Bowers (Teach Grant)? Allesamt sind sie in ihrer Rolle gefangen, mit einem Charaktermerkmal ausgestattet zu sein und von Pennywise (Skarsgård) hin und her gescheucht zu werden. Ihre Verbundenheit existiert ausschließlich auf dem Papier, existiert theoretisch. Was ihre Verbundenheit zusammenhält und kennzeichnet, bleibt bis zum Schluss offen. Wo sie im Roman einer beschützenden, namen- und gefühllosen Macht unterstanden, die eine Gegenkraft zur Macht des Bösen repräsentierte, wird dem Zuschauer in „ES Kapitel 2“ forsch eingebläut, dass Mike (Mustafa) eine Vision hatte, wie Pennywise bekämpft werden kann. Die erzwungene Werktreue der Adaption gegenüber ihrer Vorlage wirft dem literaturkundigen Publikum Brocken hin, um es ruhigzustellen. Es liegt an Andy Muschietti, dass er vergaß, diese Brocken zu einer Behausung zu bauen. Nicht umsonst sah er von der so wichtigen Dammbauszene ab, die bei Stephen King das Verhältnis der Gruppe untereinander richtungsweisend zementierte. Die Werktreue erweist sich als Fluch und Segen gleichermaßen: Der Glaube an die Vorlage schöpft die Essenz des Mainstreamhorrorkinos.

© Warner Bros.

Die fehleranfällige Kontextualisierungsarbeit Muschiettis zeigt sich auch anderswo. In Gestalt Stephen Kings hadert Bill Denbrough (James McAvoy), unglücklich verheirateter Schriftsteller, mit dem Vorwurf, er verpasse es, genau wie King, seinen Geschichten ein „gutes Ende“ zu bescheren. Der postmoderne Horrorfilm verlangt nach Metahumor, und als postmoderner Horrorfilm entzündet „ES Kapitel 2“ seinen Metahumor an Bill Denbroughs Unfähigkeit, zufriedenstellend auszuerzählen. Der Film wiederholt diese Pointe ein ums andere Mal, aber über schale Selbstreflexivität hinaus gelangt Andy Muschietti nicht. Der Gag charakterisiert Bill nicht (weiter), er ist selbstverliebtes Stückwerk. Dabei hätte der Film mit einer Szene enden können, wie Bill endlich (s)eine Geschichte zu seiner Zufriedenheit abschließt. So jedoch endet „ES Kapitel 2“ ironischerweise wie Bills Geschichten: absehbar. „Absehbar“ war eine Änderung allerdings nicht. Wenngleich Muschietti den aus homophoben Motiven begangenen Mord an Adrian Mellon (Xavier Dolan) zu Beginn des neuen Zyklus von ES beibehält und Richies „Geheimnis“ (seines im Film hinzugedichteten Schwulseins) offenkundig ist, verweigert sich das Drehbuch (Gary Dauberman), daraus allegorisch Kapital zu schlagen. Als Puzzlelandschaft der 1980er Jahre, in denen Homophobie, Sexismus und AIDS grassierten, begreift sich „ES Kapitel 2“ eben nicht (konträr des Romans).          

Von Anfang an bestand die Schwierigkeit darin, die narrative Struktur des Romans aufzubrechen und in zwei separaten Handlungsblöcken zu erzählen. Es hat seinen Grund, warum das Publikum nicht zwingend das erste Kapitel benötigt, um das zweite einzuordnen, und warum es nicht das zweite Kapitel benötigt, wenn es das erste als Abschluss definierte. Beide Filme erzählen eine Geschichte, die nicht durch Überkreuzen, Parallelisieren und Verschachteln großflächig das Erinnern im Zeichen des Werdens über die Kindheit bis zur Welt der Erwachsenen dokumentiert, sondern sich in zwei fast unabhängige Teilgeschichten aufspaltet, die weitaus mehr nebeneinander existieren, als sich vielmehr aufeinander zu beziehen. Das ist die Crux der veränderten Dramaturgie: Der Part, in dem die Kinder zu Erwachsenen wurden, bezieht seine Relevanz (der Angst) rückwirkend aus den Geschehnissen, in denen die Erwachsenen gleichzeitig noch Kinder waren. Andy Muschietti hat daraus gelernt und schneidet in kunstvollen Szenenübergängen zum Damals. Ohne die Auftritte des außerirdischen Killerclowns ist „ES Kapitel 2“ tatsächlich ein anderer, da in sich gekehrter Film, der honigvergilbten Eskapismus statt altersbedingten Konservenkult versprüht. Dazu braucht es nur einen Streit um Liegezeiten in einer Hängematte. Der Glaube an einen kindlichen Film beseelt das Damals, bis der Glaube an einen kindischen Film die Gegenwart der Figuren verzerrt.

© Warner Bros.

Was waren die philosophischen Schlenker von Stephen Kings gewichtigem Epos? Angst wirkt nicht nur destruktiv, sondern produktiv. Sie, die Angst, leitet Verlierer, die – gemeinsam – das Urböse vernichten. Im Kollektiv alpträumen sie, und erst im Kollektiv ist der Alptraum erträglich. Aber dennoch ist das Urböse nicht gänzlich außerweltlich, kein Monster, kein Schreckgespenst. Das Urböse, genannt ES, steigert das, was bereits gegeben ist: soziale Ängste wie die Angst vor Verantwortung (Bill), die Angst vor Missbrauch (Beverly), die Angst vor der Mutter (Eddie), die Angst vor Ausgrenzung (Ben). Die Auseinandersetzung mit ES bedeutet gleichzeitig ein Anwachsen jener Autonomie, die sich unmittelbar einstellt, je unwiederbringlicher der Club der Verlierer aus dessen Bewegungsradius ausbricht. Durch den Glauben nähren sie zwar ES, aber sie nähren sich auch voneinander und werden, ob sie wollen oder nicht, erwachsen. „ES“ stellt sich als eine Geschichte der Selbstwerdung dar, aber auch als eine Geschichte über die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses. Für den menschlichen Verstand war vieles in diesem Roman, auch das Schöne, absichtlich nicht greifbar – umso greifbarer ist das Unbegreifliche in „ES Kapitel 2“. Anstatt gemeinsam, Hand in Hand, den Alptraum im Luftentweichenden der Erinnerung durchzustehen, müssen wir über ihn lachen, ehe wir ihn vergessen. Von „ES Kapitel 2“ bleibt weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft.       

Titelbild © Warner Bros.

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