Filme: »Ad Astra – Zu den Sternen« (2019)

ZURÜCK IN DIE GEGENWART

(»Ad Astra« – USA 2019/Regie: James Gray)

Der Mensch der Zukunft ist der Mensch der Gegenwart. Ein Mensch wie: Roy McBride (Brad Pitt). McBride begibt sich zu den unbelebtesten Außenbezirken des Weltraums, um seinen totgeglaubten Vater, die einstige Astronautenlegende Clifford McBride (Tommy Lee Jones), zu finden und damit eine elektromagnetische Katastrophe zu verhindern. Obwohl in einer nahen Zukunft spielend, handelt „Ad Astra“ insgeheim von der näheren Gegenwart – Roy McBride leidet wie ein Mann der Moderne. Er kappte egoistisch das Band zu seiner Frau (Liv Tyler), arbeitet vorrangig für seine Welt und vegetiert allein im Schleudertrauma seiner selbst. Ortsungebunden und zeitlos verwaltet er seine Existenz. Ist McBride genauso wie sein Vater McBride? Der Sohn wie der Vater, der Vater wie der Sohn? Wer ist Roy McBride? Wie in jedem anthropologisch unterfütterten Science-Fiction-Film älteren und jüngeren Datums („2001: Odyssee im Weltraum“, „Solaris“, „Gravity“, „Interstellar“, „Arrival“) muss das All aushelfen. Wieder wird das All zum pädagogischen Empfangsschalter, entzwei gerissene Familien auf die Couch des Therapeuten zu hieven. Erst, indem Roy das Unbekannte schocktherapeutisch durchlebt, kann ein Leben im Bekannten gelingen – außerhalb des Einflussbereiches seines Vaters und innerhalb eines konservativen Spießbürgerlebens, das in der (heterosexuellen) Liebe das Dasein rechtfertigt. Keiner darf mehr einsam sein.

Dass sich die Zeiten geändert haben und Hollywood seine Außenseiter in den Dunkelzonen sozialer Verträglichkeit lieber brutal in die Gemeinschaft integrieren will, anstatt ihnen Verständnis entgegenzubringen, belegt „Ad Astra“ ein ums andere Mal: James Gray hat einen Arthouse-Genrefilm gedreht, dessen höheres Budget stellvertretend dafür steht, dass der Film schlussendlich an den Symptomen der Massenunterhaltung erkrankte. Über Roy und Clifford McBride erfahren wir nicht viel. Zweifellos wissen wir: Beide werden sich wiederbegegnen und beide werden sich trennen müssen. Trinkspielförderliche Klischees charakterisieren beide Figuren, aber ihr (kosmisches) Beisammensein trägt den Film weder emotional noch intellektuell. Um dem vorzubeugen, entschied sich Gray (oder das Studio?) für ein künstlerisches Stützrad: Roy McBride denkt laut und teilt seine Gedanken einem Publikum mit, das als Konsequenz eine vertrautere Beziehung zu ihm herzustellen gedenkt. Bloß: Seine Gedanken bilden das ab, was er sieht. Doppelt und dreifach überschneiden sich das Denken und Sehen, überlagern sich Bilder und Kommentare. Ein Trauerspiel: Das maßlos bestärkende Voiceover vergrößert die Distanz gegenüber dem Protagonisten, dessen Erkennung entkernt wird. Seine zwischenmenschliche Isolation wirkt alibimäßig zurechtgebügelt – nicht mehr in pastoralen Stillleben denkt ein Science-Fiction-Kino, sondern im stillosen Plappermaulmodus.

© Fox Deutschland

Subtil ist „Ad Astra“ beileibe nicht – die Aussagekraft der Bilder (Kamera: Hoyte van Hoytema) allein hätte gereicht. Alles, was den Science-Fiction-Film auszeichnet(e), verbaut James Gray irgendwo irgendwie mit heißen Leimspuren. Die Frage, die er sich stellt, transportiert – eigentlich – spannungsreiche Überlegungen: Was geschieht mit uns, wenn das Universum einzig zu dem Zweck entstand, dass wir uns fanden? Was löst es in uns aus, wenn wir feststellen, dass wir am Sternenhimmel allein sind? Gray arbeitet sich an dieser Frage ab, indem er das Einzelgängertum des nomadischen Erdenbewohners (Roy) mit dem Einzelgängertum des nomadischen Weltenentdeckers (Clifford) parallelisiert. Unzweifelhaft ist, dass Roy McBride sich selbst als eine Person im Ganzen sucht, wenngleich er dafür, Station für Station, Stück für Stück, zwei grundverschiedene Perspektiven zusammensetzen muss: Hinter ihm, als er Signale an seinen Vater sendet, veranschaulichen waagerecht und senkrecht gestaltete Wand- und Raummuster jene Inkompatibilität von Vater und Sohn, die planetenübergreifend diffundieren. Ob es sich um das Verlustgeschäft Vater oder um das Verlustgeschäft Ehefrau handelt – man wird nichtsdestoweniger das Gefühl nicht los, dass James Gray nie die vertrauten Schablonen des kitschigen Space Adventures verlässt. Der Autorenfilmer ist nicht aufmerksam genug, nachts die Taschenlampe auch einmal auszulassen.  

Tonal findet Gray nie die Ruhe, die sein Film vertragen könnte. Die meisterlich getricksten, wiewohl fehlplatziert ausführlichen Actionsequenzen – eine Verfolgungsjagd auf dem Mond, Faustkämpfe gegen Primaten (!) und Besatzungsmitglieder – erklären „Ad Astra“ zeitweise zu einem Survival-Actionthriller, der er nicht ist – besteht seine Qualität doch eher in dem Kunststück, dass das verbildlicht Spektakuläre sich unspektakulär verkleinert. An der Zerrissenheit des Roy McBride zwischen Fremd- und Eigenbestimmung wird die Zerrissenheit von „Ad Astra“ ersichtlich: Das Bemerkenswerteste des Films ist nicht seine Hauptfigur, sondern – symptomatisch – ihre Hülle, ihr Anzug, in dem sie eingepackt und vor (neugierigen) Übergriffen geschützt ist. An den Spuren im Visier McBrides zeichnet sich expressiv der Mensch im All ab. Licht in ritualisiert auf- und niedergehenden Schichten, verwischte, verzweifelte Fingerabdrücke – auf dem Helm des Astronauten wird sein transzendentes Sosein reflektiert, losgelöst von der Heimat und dennoch in ihr verwachsen. Vereinzelt vermag James Gray einem ausrangierten Genre seine Signatur einzuschreiben, und es steht auch fest, dass der Filmemacher bewegende Augenblicke, wenigstens in der finalen Konfrontation zwischen Vater und Sohn, bereithält. Dagegen verpufft der Rest – besonders zwei hochbrisante Ansätze einer Pervertierung des Gegenwartssystemischen.

© Fox Deutschland

Brad Pitt verkörpert – bedächtig wie gewissenhaft – einen schwermütigen Raumpiloten, der es sich nicht leisten kann, in Extremsituationen menschlich zu reagieren. Er unterzieht sich, wann immer sein Arbeitgeber es von ihm verlangt, einer psychologischen Prozedur. Überprüft werden die Schlafzeit, Träume, Herzschlag und Wohlbefinden. James Gray erzählt von einer Zukunft, in der der Mensch technologisch vermessen und per „positiver Psychologie“ sozialsensibel zum Automaten seiner eigenen Ausgabesoftware reglementiert wird. Eine gruselige Vorstellung: Kein intimes Voiceover kann daran etwas ändern, dass Roy McBride dehumanisiertes Ersatzteilmaterial für (s)eine Firma ist. Was dabei zaghaft, gleichwohl unverkennbar durchscheint, erkennt er: Sowohl auf dem Mond als auch auf dem Mars, deren Bekanntschaft McBride während seiner Reise macht, hat sich der kapitalistische Ellenbogenmarkt der Erde fortgesetzt. DHL und Starbucks säumen den Warenfetisch des Ankunftsbereichs und „Mondbanditen“ wollen sich ein Stück vom Kuchen (des Wirtschaftens) abschneiden. Viel geändert hat sich nicht, die Zukunft ist eine Erweiterung jetziger Verhältnisse. Und hierin sind sich „Ad Astra“ und der ebenfalls unter der Regie einer „fachfremden“ Autorenfilmerin entstandene „High Life“ (2018) pessimistisch einig: Der Mensch entkommt sich nicht. Und lebt – wie im Falle von „Ad Astra“ – für den Schoß familiärer Rückversicherung.   

Titelbild © Fox Deutschland

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