Filme: »Gelobt sei Gott« (2018)

GLAUBST DU NOCH AN GOTT?

(»Grâce à Dieu« – F 2018/Regie: François Ozon)

Ein Triptychon der Stimmen: Alexandre (Melvil Poupaud), François (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud) sind Betroffene. Sie brechen ihr Schweigen über ihre Erfahrungen als Kinder, über ihre Scham, ihr Verdrängen. „Gelobt sei Gott“ dokumentiert die Nachkrisen von Männern und erzählt womöglich vom Ende altgedienter Männlichkeit schlechthin. Der jüngste Film von François Ozon konterkariert den inhärenten Anspruch des feministischen (allgemeiner: „geschlechtsprogressiven“) Ozon-Kinos, die Ambivalenzen im Handeln vorzugsweise vielschichtiger Frauen einfühlsam zu dekodieren. An „seinen“ Frauen zeigt sich der französische Autorenfilmer in „Gelobt sei Gott“ – im Gegenteil – nicht genug interessiert, um sie diesmal als herausstechende Protagonistinnen einzusetzen. Die Protagonisten bilden stattdessen drei Männer, die missbraucht worden sind und darüber Zeugnis ablegen. Der Film stützt eine Beweisführung präsenter Vergangenheit wie Gegenwart: Das bewusstseinserweiternde Narrativ einer multimedialen Aufarbeitung zahlreicher Missbrauchsskandale der katholischen Kirche ebbt (vorerst) nicht ab. Gleichwohl ist „Gelobt sei Gott“ nicht „Spotlight“ (2015), aber auch nicht „The Keepers“ (2017): kaum System, wenig juristisches Recht, mehr Mensch, viel moralisches Recht.  

Als eine Art „Staffellauf mit drei Figuren“, wie es im Presseheft heißt, komponiert Ozon eine Dramaturgie episodischen Übergreifens – Alexandre (Poupaud), gutbürgerlich und Konservativer, François (Ménochet), impulsiv und Atheist, sowie Emmanuel (Arlaud), „sozial weniger integriert“ (Ozon) und Epileptiker, verkörpern drei Milieus, wie sie gleichzeitig drei Möglichkeitsräume ausmessen, auf ihre Weise das Erlebte „freizusprechen“. Während Alexandre die Institution des Glaubens als Privatperson (vergeblich) konfrontiert, ist François bestrebt, den Kampf eines Einzelnen auszuweiten: als Verein mit einer gemeinsamen Aufgabe. Zu diesem Verein finden – über eine eigens eingerichtete Website – viele weitere Opfer, darunter Emmanuel, der in der Aufmerksamkeit, die seinem „Fall“ fortan entgegengebracht wird, obsessive Freiheit findet. Drei Charaktere, drei Individuen. Insbesondere: drei Genres. Traumwandlerisch leicht tappst Ozon von einem Gefühlsbild zum nächsten. Erst sucht „Gelobt sei Gott“ – dem Bekunden Melvil Poupauds nach – das Machtsakrale und Erhabenheitsschöne Viscontis, ehe die Action und der Abgrund (nach Fassbinder) die zwei anderen Episoden bestimmen. Unzweifelhaft: Es sind jene drei Filme in einem, die es Ozon ermöglichen, die Waffen „drei[er] Ritter“ (Ozon) unterschiedlich effektiv darzustellen.

© Pandora Film

Denn tatsächlich bestehen fundamentale Differenzen zwischen den Variationen des Schweigens und des Sprechens innerhalb der Charaktere (die zudem starken Rückhalt von ihren Ehefrauen erhalten). Aber von einer bierernst-pädagogischen Nachbearbeitung historischer Tatbestände sieht François Ozon weitgehend ab. Unterschwelligen Humor beweist der Franzose sogar, wenn das Miniaturstück um François einen militanten Fetisch offeriert: Um die Kirche im Kollektiv möglichst nachdrücklich anzuklagen, erwägt François‘ Verein, die Umrisse eines Penis über dem Vatikan zu versprühen. Die Revolte trägt jedoch nicht jeder mit. Die Kraft von „Gelobt sei Gott“ liegt darin, dass die „Unterschiede in der sozialen Herkunft, im Werdegang und in der Erziehung“ (Ozon) sich inhomogen äußern – jeder und jede hat sein und ihr Päckchen zu tragen, nicht mehr stumm sein zu müssen. Ein Päckchen wie die Beichte, die in die kleinsten Ritzen innerfamiliärer Interaktion eindringt und sie nicht selten spaltet: Neid, Eifersucht und Frust können das Tischgespräch – wie im Falle François‘ – demaskieren. Das Sprechen ist derart explosiv, derart cholerisch und derart pathologisch, dass es das Leben verändert und gegebenfalls abgefedert werden muss. Entlastungsstrategien: François spielt Schlagzeug, Emmanuel raucht und Alexandre erliegt dem E-Mail-Verkehr.

Obgleich Ozons Film keine weitreichenden formalen Experimente zulässt, sondern halbwegs prosaisch erscheint, bezweifelt der Filmemacher die Durchschlagskraft des Geständnisses seiner Figuren schlussendlich. In aller Ausführlichkeit lässt er die Mails zwischen Alexandre und der Kirche vorlesen – eine zusätzliche Tonspur, eine zusätzliche Textur, die diesen Film steinschwer macht und nicht gerade konzentrationsfördernder wirkt. Auch anderer Stelle meint François Ozon, das Sprechen, konträr seiner alleinigen existenziellen Geltung, illustrieren zu müssen – so zeigt er drei Szenen aus dem Erinnerungsschatz der drei Protagonisten im Vorfeld von Anzüglichkeit und Vergewaltigung. Als ob ihr Wort nicht ausgereicht und in der Fantasie nachgewirkt hätte, sichert sich Ozon ab, um maximal emotional das Publikum einzubeziehen. Die stellenweise schwindlig geschwollene Filmmusik (Evgueni Galperine, Sacha Galperine), die Kirche auf einem Hügel über Lyon, Emmanuels affektierte Anfälle: Plakativ ist „Gelobt sei Gott“ mitnichten, aber öfters aufschneiderisch. Er ist, nichtsdestotrotz, ein Kinofilm, bei dem das „Filmische“ stört. An seinem Anliegen ändert das nichts: Der verkrustete Umgang der Kirche mit dem Schweigen und dem Sprechen gleichermaßen grenzt den reinen Glauben von der Institution des Glaubens ab.

Titelbild © Pandora Film                 

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