Dokumentationen: »M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit« (2018)

OHNE AUSWEG

(»Escher: Het Oneindige Zoeken« – NL 2018/Regie: Robin Lutz)

Freddy Krueger schickte seine schlaflosen Opfer einst zu M.C. Escher. Joseph Gordon-Levitt nahm Ellen Page einst mit ins M.C. Escher. Escher ist überall, zu jeder Zeit verfüg- und verformbar. Ob in „Nightmare on Elm Street 5 – Das Trauma“ (1989) oder in „Inception“ (2010): Der niederländische Tausendsassa (von tausend Erscheinungen auf tausend Treppen) hat seinen Walkürenritt durch die Popkultur, zu dem er gezwungen wurde, immer noch nicht hinter sich, obwohl er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt(e). T-Shirts (gegen Vietnam und doch für Vietnam im Bild) gereichten ihm zur Ehre, psychedelische Farben versetzten die Flower-Power-Jugend in Ekstase, verquere Plattencover die Labels. Wer „M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit“ gesehen hat, wird alsbald feststellen, dass der Künstler, wenn er über seine Tagebucheinträge selbst zu Wort kommt, niemals und unter keinen Umständen M.C.-Escher-Kleidung tragen würde. Entgeistert nahm Escher die Tatsache zur Kenntnis, dass der Geschichte nicht von Grund auf der Wille und die Intention des Geschichtenerzählers eingeschrieben ist. Junge Menschen, so Escher, würden seine Grafiken nicht reizvoll genug finden, also schleuderten sie sie in einen Kessel Buntes. Zwischen der Nichtigkeit der Geometrie und einer Politik anstandsloser Zuschreibung, zwischen Mathematik und Kunst ist Escher sein eigenes Rätsel. Für die Schönheit waren andere zuständig.

Robin Lutz fragt in seiner Dokumentation nach dem Nachgedeihen von Eschers Kunst, die Besucherströme in Ausstellungen und Galerien allerorten verzückt. Worin liegt die Begeisterungsfähigkeit gegenüber optischen Täuschungen? Worin liegt die Faszination M.C. Escher? Die Antworten sind rar. Der literarisch eindimensionale Innenblick der Dokumentation – der Niederländer liest im Hintergrund stichprobenartig seine Lebensstationen vor – eignet sich nicht für analytische Außenbekenntnisse, um dem Geheimnis im Geheimnis im Geheimnis nachzujagen. Eschers persönliches Protokoll, das Lutz krisengefestigt über jedes einzelne Bild legt, fördert in einer leicht verständlichen, keineswegs abgehobenen Sprache wenig Profundes zutage: Die Nähe zur Natur war für den stets kränkelnden Escher anfänglich elementar, ehe er zur (Spiel-)Fläche fand, die er mit Zahlen in eine Ordnung brachte. Robin Lutz mag die Stimme des Künstlers so oft benutzen, wie er will – ein Foto, auf dem Escher als Kind in seinen Schoß verschämt wie verloren dreinblickt, erzählt die Geschichte M.C. Eschers ohne abgesicherten Boden aussagekräftiger denn je. „M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit“ biedert sich der Museumsmedialisierung des 21. Jahrhunderts an. Denn nicht mehr das Bild allein darf sich mitteilen, sondern die interaktive Bewegung als Krücke zum Bild entbindet den Betrachtenden von dessen gedanklicher Selbstermächtigung. Krücken wie infantil animierte Bildelemente und eine vernichtende Interpretationshilfe im Ohr. Der Autor hat schließlich das Recht, faul gelesen zu werden.             

Titelbild © MFA+ Filmdistribution e.K.

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