Filme: »Joker« (2019)

BITTE LÄCHELN!

(»Joker« – USA 2019/Regie: Todd Phillips)

Eine tiefgehende Verbindung besteht zwischen den beiden. Aber diesmal braucht der Joker nicht die Fledermaus. Beide müssen in ihre Rolle erst hineinwachsen, in die sie gezwungen werden. Der Joker hat sich die Schminke weggewischt und heißt (jetzt) Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), während die Fledermaus, ehe sie sich als solche verwandelt, in Gestalt eines Kindes (Dante Pereira-Olson) in die Wange gekniffen wird. Beide treffen in „Joker“ aufeinander, beide stehen sich gegenüber. Beide, der Joker und die Fledermaus, Arthur Fleck und Bruce Wayne, die als Joker und Batman sich als höhermoralische Prinzipien duellieren werden, trennt eine Demarkationslinie, ein Tor. Obwohl das anthropologische Signum zwischen ihnen entfernt geisterhaft zu spüren ist: Der eine existiert nur deshalb, weil der andere existiert. Ein Film über den Joker ohne seinen Widersacher, Gegenpart, Vexierspiegel, ohne seine Nabelschnur, seine Inspiration? Joker ohne Batman? Es war eine Frage der Zeit. Fungierte der Clown mit dem irren Grinsen bei Tim Burton und Christopher Nolan als entgrenzter Tobsuchts- und Ohnmachtsautomat, der die Verstrebungen einer als fest empfundenen bürgerlichen Ordnung produktiv löste und damit mehr Denkfigur denn Figur war, muss es in „Joker“ ein Leben hinter der Maske geben. Das Säurebad reicht nicht (mehr), der Terrorist wurde enttarnt, seine Geschichten zu einer dechiffriert: Todd Phillips entlässt den Joker in die Gesellschaft.

Und dieser Joker erreicht 2019 die Gesellschaft. Er erntet Spott und Hohn, kriecht zu Kreuze, drückt die Wirbelsäule durch, schraubt sich durch Medikamentenverschlüsse und erliegt den Wunden seiner Drangsalierungen, die er in einer trübsinnigen Abwehrverrichtung aus sozialer Verringerung und gesellschaftlicher Vereinzelung durchsteht. Arthur Fleck (Phoenix) will sich einen Traum erfüllen: Eine Karriere als Stand-up-Comedian strebt er an, ohne witzig zu sein. Von der Mutter (Frances Conroy) über seine Eltern angelogen und vom Publikum verlacht, ist seine Passionsgeschichte die eines Witzes, bei dem die Pointe fehlt. „Hangover“ in Gotham City – Todd Phillips steuert das Rad, an dem Joaquin Phoenix freidreht und den Mann mit der Neurose in einer durchzechten Nacht mimt, die sich ein ums andere Mal wiederholt. Phoenix dirigiert, körperlich eingefallen, den Film mit seinem Lachen und mit seinem Grinsen – so fluide und so aufgeschwemmt, dass kein Zweifel aufkommt: Das Lachen und das Grinsen kompensieren das Weinen und das Leid. Aber wann? Wann lacht Arthur Fleck – und wann weint er? Dieser enigmatische Zustand in Zuständen choreografiert „Joker“ bis zur nächsten Überraschung. Selbst der Filmtitel – „Joker“ – überrascht. „Joker“ erzählt nicht über den Joker, sondern über Arthur Fleck, dessen Transformation (zum Joker) beileibe nicht abgeschlossen wird. Im Anfangsstadium seiner Vergiftung agiert der Joker mit noch menschlichem Antlitz.  

© Warner Bros.

Viel Fleck bestimmt Phillips eigenwillig gefühlige Interpretation. Das Drehbuch (Todd Phillips, Scott Silver) scheut kein psychologisch durchgenudeltes Klischee: Eines Tages stößt Fleck auf den Hintergrund seiner diffusen Familiensituation und auf seinen vermeintlichen Vater (Brett Cullen), der ihn abgestoßen hat. Alles ist irgendwie Metapher, freiheraus und die majestätische Geste maximierend: Schwindelerregend hohe Treppen hindern Fleck am Aufstieg, Fensterscheiben, an denen Flecks Kopf heiser lehnt, schließen ihn von der Wirklichkeit aus, sein Gesicht eine verschmierte Herdplatte – fertig für die Großaufnahme. Der Kniff des Films, sein Joker gewissermaßen, reichert diesen Grundstock entmystifizierender Psychoanalyse mit einem Hang zum Imaginären an. Schließlich ist es Arthur Fleck, der sich in zahlreiche Alternativpartikel seines Begehrens flüchtet, wenn er sich eine Liebesgeschichte mit einer seiner Nachbarinnen erträumt (Zazie Beetz) und als Gaststar in der Show seines Mentors (benutzt: Robert De Niro) für Furore sorgt. Die schöpferische Spaltung des Jokers, die sonst durch Batman verursacht wird, denkt Phillips radikal subjektivistisch zu Ende: Nicht der Joker kämpft gegen Batman, sondern Arthur Fleck gegen Arthur Fleck, damit der Joker – mit Pauken und Trompeten im U-Bahn-Moloch – systemisch geboren werden kann. Nur: Wer ist schuldig? Wer trägt die Verantwortung für das Versagen des Einzelnen? Arthur Fleck, das System oder beide?            

Die moralische Haltung des Films gegenüber der nicht verhinderbaren, determinierten Eskalation Arthur Flecks bleibt in Anbetracht seiner psychedelischen Traum- und Wunschwelten, die Phillips elegant einbindet, als Produkt eines zugrunde gerichteten Geistes mindestens widersprüchlich. Mag Arthur Fleck die Empathie des Publikums auch für sich gewinnen, indem er den Zeigefinger gegen jene Bürger erster Klasse richtet, die auf Kosten von Bürgern wie ihn leben, darf das „Tyler-Durden-Syndrom“ nicht vergessen werden: Fleck müht sich, dass die Klassengegensätze niemals zusammengedacht werden dürfen. Sein Mittel ist Gewalt, aber auch die Show des schulterklopfenden Populismus. Er ist Verführer wie Agitator und gibt all‘ jenen Recht, die sich aus der Gleichung herausnehmen, um gegen „die da oben“ zu wettern. Aber Arthur Fleck muss sich in die Gleichung hineinnehmen. Wie Rupert Pupkin merkt er in seiner narzisstischen Selbstüberschätzung nicht, dass er nicht ohne Grund (als Clown) abgewiesen wird: Eine Mischung aus Idiotie (er trägt eine Waffe im Kinderkrankenhaus) und Talentlosigkeit, Witze abzulesen, erhärtet den Verdacht, dass alle verloren haben in „Joker“. Arthur Fleck rennt gegen eine Wand, immer wieder. Das kritische Bewusstsein des Zuschauers ist gefragt: Kann er der manipulativen Ichbezogenheit Arthur Flecks, kann er der anarchischen Strahlkraft des Jokers widerstehen?    

© Warner Bros.

Sich von Joaquin Phoenix ideologisch verführen zu lassen, versteht sich als dankbarste Option. Aber sie ist gleichfalls die leichteste. Phoenix überspielt ein anekdotisches Script im Schauwertverbund mit sich als Hauptattraktion. Manchmal ein wenig übersteuert, manchmal ein wenig neben der Spur, verzerrt er den Charakter seiner Charakterstudie auf makabre Weise – fahrig, sprießend, süchtig. Ein Großkaliber, das angesichts seiner Munition sich auf der Bühne vorausplanend in Stellung bringt. Doch hinter Arthur Fleck und dem Joker lauert ein diabolischer Hintersinn. Obgleich Phoenix sich niemals wissbegierig auf den feinen Rost des Geschundenen einlässt und stattdessen in ein Schaben und Kratzen, in eine Maskerade verfällt, elektrisiert sein Spiel zwischen Performance und Performanz. Das Theatrale der Sedimentschichten seiner Biografie gipfelt im Tanz – Fleck ist endlich frei, erblüht. Oder doch nicht? Mit der Wahrheit nahm es kein Joker jemals genau. Ob Arthur Fleck am Ende seines Kreuzzuges als zorniger Prophet von der Polizei geschnappt und eingesperrt wurde oder ob er sich in einer verschwenderischen Fantasie verwirklichte, macht den leeren Raum eines Bösewichts aus, der trotz einer fachwissenschaftlichen Ausdeutungsprozedur gebührend symbolisch an der eigenen Unentscheidbarkeit wächst. Für den Joker ist und bleibt jede Wahrheit zu klein.

Die Bilder dafür sind jedoch groß und größer. Phillips huldigt Scorsese in längeren Einstellungen und stilistischen Antikonventionen – „Joker“ empfiehlt sich als neorealistisches Post-New-Hollywood-Mashup, in dem die Ranzigkeit der sozialen Milieus nicht nur den Kühlschrank ergriffen hat. Dennoch verkommt der Film nicht zur reinen Zitationsmaschine, vielmehr erschafft Phillips seine persönliche Institutionshölle im Flussbett der Gesellschaft: Der Mensch wird von der auseinanderklaffenden Architektur und ihren Erbauern erdrückt. Den „Hangover“-Humor lässt Phillips zwar beiseite, aber nicht durchgehend – ein Zwerg (Leigh Gill) gerät ins Kreuzfeuer einer zweifelhaften Komik und entlarvt die Inkonsequenz Phillips, sich einerseits in die suchenden Kreaturen des Tages und der Nacht einzufühlen, aber andererseits sich mit der koketten Entschuldigungsgeste des schwarzen Humors höchstselbst über sie zu stellen. Ein ins Schwarze treffender Humor im Dazwischen will ihm selten gelingen. In einer Kinoszene entfacht Phillips die klügsten Irritationen: Die Oberschicht von Gotham City schaut „Moderne Zeiten“ (1936). Und lacht. Währenddessen erreicht Arthur Fleck, verkleidet als Portier, ebenfalls den Kinosaal und schließt sich dem Amüsement an. Fleck allerdings ist der einzige, der lachen darf. Denn Charlie Chaplin veräppelt insgeheim sie, die Aristokratie. Der Ball wird zurückgeworfen, das Maskenspiel wird triumphieren.

Titelbild © Warner Bros.

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