Filme: »Lara« (2019)

DAS KONZERT

(»Lara« – D 2019/Regie: Jan-Ole Gerster)

In „Oh Boy“ (2012) irrte Tom Schilling ziellos durch Berlin. In „Lara“ hat er sein Ziel in der Hauptstadt erreicht. Victor ist Pianist geworden, steht kurz vor einem „ausverkauften“ Konzert, auf dem er seine ersten Eigenkompositionen vorstellen will und hat für das Ziel gelitten. Die Mutter (Corinna Harfouch). Lange Leine, kurze Leine. „Lara“, Jan-Ole Gersters zweiter Spielfilm, ist ihr Film – und gleicht „Oh Boy“. Ein Tag, ein Abend, eine Nacht. Menschen. Rechts und links. Sie schließen sich an, sie stoßen sich ab. Corinna Harfouch (in der Tom-Schilling-Rolle) hängt sich in das Publikum ein. Ist ihr Gang deshalb so wacklig, so geflickt? Gerster gibt sich Mühe, damit ihr Kopf, ihr Gesicht und ihre Haare die Prüfung der Leinwand mit Bestnote bestehen. Was für ein Kopf, ein Gesicht, was für Haare! Verschmiert, asymmetrisch, kantig. Der Körper findet sein Gegenstück: In einem Zimmer ihrer Wohnung ist eine Fläche an der Wand frei, klafft ein mysteriöses Loch – das Fenster zur Seele.

Früher glaubte Lara nicht gut genug zu sein. Sie strebte das an, was ihr Sohn erreichte. Sie wollte Pianistin werden. Ihre linke Hand wollte nicht, ihr Lehrer (grummelig ätzend: Volkmar Kleinert) malträtierte und verunsicherte sie, nicht das erforderliche Talent für eine Weltkarriere zu haben. Lara wurde daraufhin Beamtin in einem „gleichgültigen“ Job. Sie förderte und forderte ihren Sohn, aber Lara wirkt allein, unerwünscht. Ihren Geburtstag verbringt sie, indem sie Verlegenheitssträuße entgegennimmt, glücklos durchtelefoniert, Instrumente zerstört und letzte Konzertkarten ersteht. Egal, wo sich Lara mit ihrem roten Mantel befindet – am Treppengeländer, in der Lobby des Konzerthauses, vor einem Getränkekühlschrank beim Späti –, verunsichert ihr Wandern die Welt. Und stets wird diese Wanderung zufällig fortgesetzt – die Türklingel hält sie vom Suizid ab. Ausgerechnet das verhasste Beamtentum.

© STUDIOCANAL GmbH

„Lara“ ist präzise abgemessen und feinsinnig beobachtet. Der Antipode zum rustikalen „Systemsprenger“, made in Germany. Corinna Harfouch legt Lara zweigleisig an. Einerseits erlebt sie ihre Entfremdung als soziales Ergebnis – ihre Helikopterfürsorglichkeit gegenüber ihrem Sohn steigert sich zu einer ausgeprägten Form von Vergeblichkeit und Verlust. Als ihre Mutter (Gudrun Ritter) das Spiel durchschaut und die Diättorte brüsk abwehrt, ist einem Lara unmittelbar nah – die Verletzlichkeit, die sie in den Zwischenräumen dessen transportiert, wie Menschen grübeln und sich fortbewegen, beschwört unweigerlich Mitleid und unterschwellig Scham. Andererseits kann Lara auch anders. Zu „musikantisch“ sei das kompositorische Hauptthema, als sich Mutter und Sohn nach langer Zeit gegenübersitzen. Wie Harfouch Gift und Galle mit milden Andeutungen übertüncht, um einzig die alte ehrgeizige Lara von einst zu erhalten, übertrifft viele, viele Szenen sonstigen wellenartigen Unwohlseins.

Jan-Ole Gerster interessiert sich für die verpassten Chancen eines verpassten Lebens. Lara erinnert sich tragikomisch an die (irrtümliche) Abbiegung ihres Lebens, wann immer sie ein Klavier sieht und den Klavierdeckel anhebt, um vertieft ein paar Töne zu spielen. Ihr eigens für das Konzert ihres Sohnes gekaufte und den ganzen Film über getragene Cocktailkleid bildet das ab, was ihr einst anstelle anderer bevorgestanden hätte: Eine makellos eingekleidete Musikerin, die angekommen ist. Lara möchte ankommen, annehmen und angenommen werden. Gerster erzählt die emanzipatorische Geschichte einer Ab- und Hinwendung im Takt, die Geschichte einer zweifachen Reparatur gegen das Leben im Verpassten: Es ist Victor, der seine Abhängigkeit zu seiner Mutter repariert und das spielt, was ihm beliebt – das Eigene. Und es ist Lara, die das Loch stopft – Sessel, Blumen und ein freundlicher Nachbar (André Jung) mit Klavier zeigen ihr, dass sie sie ist und niemand sonst.    

Titelbild © STUDIOCANAL GmbH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: