Serien: »The Outsider« (2020)

KRATZER AM NACKEN

(»The Outsider« – USA 2020/Regie: Jason Bateman u.a.)

Terry Maitland (Jason Bateman) und das Terry-Maitland-Paradoxon: Angeklagt, einen Jungen (Duncan E. Clark) bestialisch ermordet zu haben, befand sich ein anderer Terry Maitland zur gleichen Tatzeit bei einer Lehrertagung. Einerseits beweisen penibel zusammengetragene, da provozierend den Ermittlungsbehörden zur Schau gestellte DNA-Beweise die Schuld des ersten Maitlands. Andererseits entkräftet ein Video, auf dem der zweite Maitland während eines Vortrags aufgenommen wurde, die Schuld des ersten. Wer oder was ist Terry Maitland? Wer beging den Mord? Und welcher ist der echte?

Die Ausgangssituation von „The Outsider“ bemächtigt sich einer klassisch dichotomen Konstruktion Stephen Kings inmitten dem Verlust von Rationalität bei gleichzeitigem Verkauf alternativer Weltlesungen so offenkundig stilbewusst, dass noch Zeichen und Wunder im doppelten Wortsinn geschehen – diese Serie nimmt King als einen Schriftsteller existenzieller Last tatsächlich (wieder) ernst. Nach Mick-Garris-Fernsehen und Multiplex-Gigantomanie, nach Jahren und Jahrzehnten unglücklicher Bewegtbilderräumung balanciert „The Outsider“ auf der wichtigen Notwendigkeit King’scher Werktreue ebenso, wie auf der noch wichtigeren Notwendigkeit unbedingter Komprimierungsarbeit dort, wo mediale Funktionsgesetze es erlauben, empfehlen und erzwingen.

© HBO

Was im gleichnamigen Roman von 2018 ein Drittel einnimmt, erzählen Jason Bateman und Richard Price in etwa 120 Minuten à zwei Folgen: Von der öffentlichkeitswirksamen Verhaftung über die Chronologie zweier widersprüchlicher Beweisketten bis zum Tod avanciert Terry Maitland zum Exempel wundersamer Antilogik. Können „zwei Terrys“ Teil derselben abendländisch-logozentrischen Wahrnehmung sein, die den Vernunftbegriff hofiert – und strikt zwischen Dingen im Realkausalen unterscheidet? Weder die Kamera (Kevin McKnight, Zak Mulligan, Rasmus Heise, Igor Martinovic) noch der leitende Detective Ralph Anderson (Ben Mendelsohn) befassen sich mit den Unzumutbarkeiten ihres Denkens, sondern bleiben vorerst im Verwaltungsmodus kriminalistischer Normalität gefangen, der eine schlüssige Erklärung aus zwei Zufällen zu einem gewieften Verbrecher zu verknüpfen versucht.         

Nach und nach bröckelt jedoch das Gefüge, die Wahrnehmung und mit ihr die Welt – aber vorher und zwischendrin streicht die Kamera immer wieder über das Feste und (vermeintlich) Naturalisierte, um sich von dessen Beschaffenheit zu überzeugen. Die mathematischen Prinzipien unterworfene Mise en Scène misst formidabel Objekte wie Räume, Räume wie Objekte aus. Ihr selektiver Fokus, die kontrollierte Schärfeverlagerung, dirigiert das Auge des Zuschauers zu jenem (Seh-)Bereich, auf den er sich zu konzentrieren hat – auf eine Pfütze neben dem Bett, auf verdoppelte Überwachungsbilder, auf den Sprechenden, den Schweigenden im Profil, auf Menschen und Dinge, die – zueinander im Verhältnis stehend – ausgeschnitten, isoliert, vereinsamt zu papiernen Automaten absurden Unverständnisses sich regen. Der Zweifel ist ihnen eingeschrieben. Andere Geschichten hat Stephen King nie geschrieben: Geschichten des Unnahbaren an den verschmierten Begrenzungen des Rasens, Geschichten über die Vermessenheit der Vorstellung und deren Verdrängung.  

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Ben Mendelsohn spielt den letzten revoltierenden Skeptiker, der bis zwei Folgen vor Schluss nicht sich überzeugen lassen will. Und wie grandios, wie grandios unangepasst und sich windend und sich entziehend er spielt. Ohne falsche Koketterie sucht er, und zwar ständig, nach der Körperhaltung. Ständig kippt sein Körper nach rechts, nach links, der Kopf ebenfalls, der Blick nach oben, nach unten, verdrehte Augen, die an den Wänden entlangrasen und am liebsten ihre Schatten ausradieren würden. Ralph Anderson kann und will es nicht glauben, dass er in ein übernatürliches Monstermärchen hineingezogen wird. Sein Nichtverständnis, die Brutalität einer transzendenten Erfahrung, reflektiert sich in seinem subtil erschöpften, inständig gebrochenen Spiel, das mehr Performance denn Darstellung ist. Und dennoch hakt sich der Zuschauer bei ihm ein – er gewährt letzte Sicherheiten, er repräsentiert die einzige Figur, die sich weigert, über dem Boden zu existieren.

Vor allem flattert sein Nervenkostüm. Hin und wieder. Terry Maitland (Bateman) nimmt er während eines Baseballspiels vor versammelter Mannschaft spektakulär in Gewahrsam. Andersons andere Seite allerdings zeigt einen trauernden, traumatisierten Vater, der nicht vom viel zu frühen Tod seines Sohnes (Wes Watson) loslässt. Das Monster, dem er sich später in Kooperation stellt, ist nicht bloße Kreatur, sondern metaphorische Überhöhung mahnenden Zeigefingers: Ralph Anderson muss zu überwinden lernen, um die Monster in sich zu besiegen. Auch „The Outsider“ passt daher in das missverstandene Portfolio Stephen Kings, in den Erzählband eines Autoren, der nie direkt im Horror geboren wurde, darin versank und unbelehrbar starb. Vielmehr interessiert sich King seit jeher für jenen nachbarschaftlichen Horror, der nach außen gekehrt wird und Transformationen durchläuft, seine Quelle gleichwohl im Menschen unter Menschen und deren Vergangenheiten hat. Deshalb dieses distanzierte, unerhörte Bild: Anderson wischt obsessiv durch die Videoaufnahmen, die zwei Terry Maitlands ihm präsentieren. Nicht diese machen ihm zu schaffen, sondern die Erkenntnis, dass er ein Mensch ist, der nie außerhalb seines Körpers und seines Wissens zu leben akzeptierte.

© HBO

Spätestens, als Holly Gibney (mustergültig manisch: Cynthia Erivo), Sonderermittlerin und Glaubensvermittlerin, Gedächtnisakrobatin und Popkultur-Intellektuelle, das Spielfeld betritt, dessen Figuren sich zerstreuten, wird eine Gruppe zusammengeschweißt – mit Ralph Anderson. Darunter ein Strafverteidiger (Bill Camp), sein Privatdetektiv (Jeremy Bobb), ein anderer Polizist (Yul Vazquez) und noch ein anderer (Derek Cecil). „The Outsider“ kennt die Stephen-King-Regeln ausgiebig genug, wenn daraufhin eine solidarische Clique entsteht. An dieser Stelle reproduziert die Serie romantische Außenseiter-Buddy-Movie-Klischees, wie sie nicht nur King mehrheitlich (zum Beispiel in den Achtzigern) bediente. Der Unterschied: Diese Clique funktioniert, weil sich die Serie, trotz ihrer ästhetischen Gratwanderung, abstrakt wie gedrückt zugleich zu sein, Humor erlaubt – und sich die Akteure selbstironisch aufziehen. An der inhärenten Botschaft als solcher wird Stephen King nicht mehr in seinem Œuvre rütteln wollen. Denn der Einzelne überwindet sich und (über)bewältigt andere, indem er sich – wie so oft – im Verbund selbstlos einfügt.

Angesichts der kontinuierlich extraterrestrischen Gefahren, von denen dieser Verbund bedroht ist, halten dementsprechend gröbere Genreelemente Einzug. Neben einer investigativen Mythenforschung und exzentrischem body horror (mittels „Nackenblasen“ „steuert“ „El Cuco“, so der Gestaltwandler, seine Opfer) sorgt ein außerirdisch fehlgeleiteter Polizist (Marc Menchaca) für rustikalen Suspense innerhalb eines actionreichen Thrillers. Je zielgerichteter sich die Konfrontation jedoch zuspitzt, desto haltloser fällt ein Schriftsteller in alte Gewohnheiten: Die letzten beiden Folgen fordern erfolgreich das Laute ein, anstatt beim Leisen zu bleiben, während die Gruppe gespalten, ja gewaltsam zerrissen wird. Statt einem „STOP HER!“, das El Cuco hinterlässt, würde für Stephen King ein „STOP HIM!“ besser passen – gegen das aus der Vorlage bekannte, vergleichsweise uninspiriert reißerische Finale konnten die Showrunner nichts ausrichten, außer sich eine Tür offen zu halten, aus der El Cuco durchaus ein zweites Mal zu treten imstande wäre. Wie jeder Außenseiter, der sich traut, aus der Deckung begrenzten Verständnisses zu treten. Das Blickfeld schließlich ist sehr eng, das gesicherte Wissen nach wie vor anfällig und höchst verdächtig.   

Titelbild © HBO

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